Kategorie: Allgemein

  • Ohne Worte…

    … da vorübergehend ohne Computer – die nächsten Posts kommen bald!

    Dafür jedoch mit Bildern der Skulpturen, die ich bei meinem House-Sit in der Dordogne genießen durfte.

    Der Bildhauer ist der Herr des Hauses Henk!

    EXPOSITIONS | artbirdschoen.simplesite.com https://share.google/y17ISo2TS2wHEzMzL

  • Auf meiner Reise durch die Welt komme ich innerlich an

    Morgendliche Gedanken aus der Dordogne

    Es ist halb zehn und draußen minus sechs Grad, wie von meiner App versprochen.

    Ich habe die Katzen gefüttert und sie chillen nun auf dem Boden im Raum verteilt – der große Muphasa mit dem Teddypelz auf dem Teppich und die zierliche Ushi mit fedrigfeinem Fell auf den warmen Fliesen.

    Die Stille ist vollkommen – abgesehen vom Ticken der traditionellen holländischen Uhr an der Wand, die in ihrer Form einer Kuckucksuhr nicht unähnlich ist, aber glücklicherweise viel leiser, und kunstvoller gestaltet.

    Selbst der innere Dialog, der aus dem Reich der Träume in meinen morgendlichen Dämmerzustand übergeschwappt war, ebbt langsam ab.

    Was bleibt, ist die Dankbarkeit für diesen strahlend sonnigen Tag, dafür, dass ich hinausgehen und Bilder vom Frost auf Kies, Blättern und Gras machen kann, in dem Wissen, dass ich in ein gemütliches Zuhause zurückkehren und einfach genießen kann, wo und wer ich gerade bin.

    Zwei Jahre lang hatte ich den Traum vom Reisen genährt, ihn aber fast aufgegeben, da der Berg der Besitztümer meiner Familie, den ich Schicht für Schicht durcharbeiten musste, unendlich erschien und ich so geschwächt war, dass ich ein halbes Jahr lang eine Nasennebenhöhlenentzündung nach der anderen durchmachte. Als das Finanzamt an meine Tür klopfte und dem Haus meiner Eltern einen absolut unverhältnismäßigen Wert zuschrieb, von dem aus die Erbschaftssteuer berechnet werden sollte, war ich gezwungen, es zu verkaufen – was sich als das Beste herausstellte, was ich je getan habe.

    Nun erlaube ich mir endlich wieder die Freiheit zu reisen, derzeit als Haussitterin. Dies ermöglicht es mir, verschiedene Orte Kennenzulernen und dabei tiefer in die Kultur einzutauchen, als ich dies als bloße Touristin könnte, während die Miete gedeckt ist, da ich kostenlos wohnen kann im Austausch dafür, dass ich mich um die Haustiere und Pflanzen im Haus kümmere (und gelegentlich um den Garten). Außerdem bekomme ich ein Gefühl dafür, wo und wie ich leben möchte, indem ich verschiedene Länder und Häuser erlebe. Gleichzeitig bin ich frei in meiner Arbeit, da ich nur WLAN brauche, um meine Unterrichtsstunden und Sessions zu geben und an meinen Texten zu arbeiten. Ich liebe es, meinen Zeitplan an die Bedürfnisse meiner süßen Schützlinge anpassen zu können.

    Ich habe an vielen Orten der Welt gelebt und gearbeitet, unter anderem in Moskau, aber der Verkauf des Hauses meiner Eltern gibt mir die finanzielle Freiheit, vorübergehend nur die Jobs anzunehmen, die mir gefallen, und wirklich neue Wege zu erkunden.

    Es hat eine ganze Weile gedauert, bis ich an diesen Punkt gelangt bin, denn über ein Jahrzehnt lang hatte ich in einem Zeitkorsett gearbeitet, das in den meisten Wochen nicht einmal einen halben freien Tag zuließ – und mit Woche meine ich 7 Tage – da die arbeitsintensivsten Zeiten Wochenenden und Nächte waren. In gewisser Weise gedieh ich und war überrascht und stolz, dass ich es schaffen konnte, doch jeden freien Moment zu nutzen – selbst beim Reisen, beim Friseur oder in meinen Pausen zwischen den Unterrichtsstunden – um zu übersetzen (was fast zu einem Freizeitsport wurde…) hatte mich von normalen Interaktionen mit Menschen entfremdet.

    Jedes Gespräch musste einen Zweck haben, da es entweder dem Austausch arbeitsbezogener Informationen diente oder die Form einer Session hatte… und obwohl diese Sessions zugegebenermaßen auch Raum ließen, einfach Dampf abzulassen und die eigenen emotionalen Bedürfnisse erfüllt zu bekommen, war der Rahmen immer ergebnisorientiert und kaum jemals spontan. Telefonate mit Freunden und Familie mussten akribisch geplant und in meinen übervollen Zeitplan eingepasst werden, und meistens fühlten sie sich wie ein weiterer Termin an, für den ich Energie aufbringen musste, anstatt einfach auszuruhen.

    Nun würde ich lügen, wenn ich sagte, dass mir das nicht gefallen hätte.

    Mit meiner eher introvertierten Natur war ich glücklich mit diesem Arrangement, das „sachliche“ Interaktionen ermöglichte, die „einem bestimmten Zweck dienten“. Doch mit der Zeit wuchs das nagende Gefühl, dass der Zweck nicht erreicht wurde – der vermeintlich darin bestand, sich von einschränkenden Überzeugungen zu befreien und sein Leben so zu gestalten, als ob keine Beziehungen, nicht einmal die zu Freunden und Familie, wirklich von Bedeutung wären. Dies wurde mir während der 6 Jahre schmerzlich klar, in denen ich erst meinen Vater, dann meine Mutter und schließlich meine Schwester in ihren letzten Monaten und Wochen begleitete.

    Einerseits ermöglichte mir meine Selbstständigkeit, für sie da zu sein, wie ich es nicht hätte sein können, wenn ich einen „regulären“ Job und eine Familie gehabt hätte. Abgesehen davon half mir auch eine gewisse Distanziertheit, die aus dieser „session-orientierten“ Denkweise resultierte, während des gesamten Pflegeprozesses stärker zu sein. Andererseits hatte die Tatsache, dass, brutal ausgedrückt, meine Familie sterben musste, damit ich mich entschied, vollständig für sie da zu sein, einen bittersüßen Beigeschmack.

    Nun, da sie alle für immer gegangen sind, und nachdem ich mir die Zeit genommen habe, sie zu verabschieden, indem ich jedes Stück, das ihnen gehörte, in meine Hände nahm und ihm Lebewohl sagte, hat sich dieser neue Raum geöffnet, in dem ich meinen eigenen Weg wählen kann – zum ersten Mal wirklich unbelastet – wo, wie und mit wem ich leben möchte.

    Der ganze Prozess hat mir gezeigt, dass ich aus dem session-geprägten Lebensstil herausgewachsen bin. Derzeit empfinde ich sogar eine leichte Abneigung gegen das Konzept, dass eine Person in der Seele und emotionalen Landschaft einer anderen Person herumstochert, besonders wenn sie nicht darum gebeten wurde. Ironischerweise suchen mich jetzt Menschen organisch für Sessions auf – und genau da möchte ich die Sessions von nun an belassen: an einem klar vereinbarten Ort und Zeitraum.

    Dieser Prozess zeigte mir auch, dass nicht alle Freundschaften, die ich früher hatte, der Zeit standgehalten haben. Offenbar waren einige von ihnen nur vorübergehende Bündnisse, die aus meiner Hauptbeschäftigung in dieser Zeit entstanden waren. Ich bin dankbar dafür, und noch dankbarer dafür, gelernt zu haben, einfach ich selbst zu sein – in jedem Moment anders – ohne das unausgesprochene Gebot, mich ständig verbessern zu müssen. Ich genieße, wie ich von Menschen aufgenommen werde, besonders hier in dieser besonderen Enklave aufgeschlossener Menschen aus aller Welt.

    Natürlich treffen meine derzeitigen Lebensentscheidungen manchmal auf Schlussfolgerungen, die aus mangelndem Verständnis dafür resultieren, wie digitale Nomaden leben (und Geld verdienen! :-)), aber alles in allem zählt und bleibt bei den Menschen die Energie, die wir ausstrahlen. So schließe ich unterwegs neue Freundschaften, und vor allem schließe ich Freundschaft mit mir selbst, mit meinem Körper, mit meinen Bedürfnissen in Bezug auf alle Lebensbereiche.

    Das ist ein unermessliches Geschenk.

    Etwas, wovon ich mein ganzes Leben lang geträumt habe – allein und mit Menschen sein zu können, ohne Unbehagen oder ständige Selbstzweifel.

    So teile ich nun mit Dir, lieber Leser, den Frieden von meinem derzeitigen Wohnsitz – innen und außen – immer noch mit der tickenden Uhr im Hintergrund, nur die Katzen sind längst hinaus in die Sonne gegangen, um diesen wundervollen Tag zu erkunden.

  • Auf meinem Hirn läuft ein anderes Betriebssystem

    Gestern beim Putzen hörte ich mir mal wieder einen Kurzbeitrag über ADHS an und fühlte mich dieses Mal direkt angesprochen. Es war, als hätten die Verfasser meine Fragen der letzten Tage gehört und gezielt beantwortet.

    Ich möchte vorwegschicken, dass ich der inflationären Verwendung und Zuschreibung von Diagnosen – wie im übrigen auch der des Narzissmus, in dem Fall natürlich auf andere projiziert – in letzter Zeit immer skeptischer gegenüber stehe. Es ist, als bediente sich jeder einfach dieser Begriffe, um zu belegen, warum es ihm schwer fällt, Ordnung zu halten, sich zu konzentrieren oder Termine einzuhalten. Rein statistisch gesehen erscheint es mir unwahrscheinlich, dass so viele Menschen „ADHD haben“ – wenn natürlich auch das Gewahrsein dafür die Zahl der „Diagnostizierten“ scheinbar plötzlich ansteigen lässt. Doch wenn ich mir Beiträge mit Menschen anschaue, die wirklich ADHD oder Autismus –unkorrekterweise oft synonym verwendet – „haben“, muss ich zugeben, dass sie wirklich anders funktionieren. Ihnen ihre Einzigartigkeit und ja, auch ihren Kampf in einer Gesellschaft, in der dies noch nicht als Teil der Norm gilt, abzusprechen, indem man es selbst als bequem empfindet, bestimmte Eigenheiten einem amorphen Komplex an „Symptomen“ zuzuschreiben, finde ich unangemessen und sogar unfair.

    Dies vorweggenommen, erlebte ich dennoch genau bei diesem Beitrag eben nicht nur ein abstraktes Wiedererkennen schon oft gehörter Informationen, sondern ich fühlte mich direkt angesprochen.

    Noch Tage zuvor hatte ich in einer niedergeschlagenen Stimmung einmal alles aufgeschrieben, was „mein innerer Nörgler“ so von sich gibt (eine Übung übrigens, die sehr gut tun kann, aber dazu ein andermal), stachen diesmal besonders Begriffe heraus wie „asozial“, „ungesellig“, „wenig mit anderen Menschen vernetzt“.

    Während ich inzwischen bereits anerkannt habe, dass sich meine Art der Verbindung vielleicht nicht immer im physischen Zusammensein zeigt, fragte ich mich doch zum wiederholten Male, warum es mir so angenehm ist, viel Zeit „alleine“ zu verbringen – einmal ganz abgesehen davon, dass ich in dieser Zeit ja gar nicht alleine bin! Vielmehr denke ich an die anderen und spiele vieles durch im Versuch, die Energie dahinter zu erkennen und ihr auf den Grund zu gehen.

    Die Dynamik in großen Gruppen hingegen macht mich schnell müde, denn selbst wenn ich die Menschen einzeln sehr mag, ertrage ich ihr Verhalten in großen Settings oft nur schwer. Und das meine ich eher im Sinne von perplex und überrascht als „wie können sie nur?“.

    Der Beitrag nun erklärte, das Hirn eines Menschen mit ADHD funktioniere anders als das anderer Menschen im Durchschnitt: Schüttet deren Hirn Dopamin aus, wenn sie in großen Gruppen sind – also fühlen sie sich pudelwohl, energetisiert und beschwingt, geschieht beim ADHD-Hirn genau das Gegenteil: Es schüttet weniger Dopamin aus und ist zugleich einer Reizüberflutung ausgesetzt, weil seine äußerst feinen Fühler die vielfältigen Gemütslagen ALLER wie eine riesige unvereinbare Wetterlage über sich hereinbrechen sehen. Nichts ergibt Sinn, besonders die Masken, die in solchen Settings zwangsläufig herausgeholt werden. So ermüdet der Geist schnell, und man fragt sich, warum man so schlecht bei dem Gesellschaftsspiel ist, so „ungesellig“.

    Ich fühlte mich so bestätigt!

    Große Menschenmengen können mir Freude machen, jedoch in der Regel auf die Entfernung.  In Büchern, Filmen oder auf der Durchreise finde ich es toll, viele Menschen zusammenkommen zu sehen, für mich selbst genieße ich jedoch viel mehr die Momente kurz vor Ladenöffnung oder -schluss, die Nachtschichten, wenn fast niemand da ist, Situationen, in denen wenige Menschen für große Menschenmengen gedachte Einrichtungen nutzen und jeder (meinem Empfinden nach) ganz er selbst sein kann. Das Eintauchen in große Mengen gefällt mir unter der Voraussetzung, dass alle zumindest vorübergehend ein gemeinsames Ziel haben – wie bei einem Kurs, in einem Chor, am Flughafen oder Bahnhof, oder in einer Ausnahmesituation.

    Spannenderweise fällt es mir relativ leicht, vor einer großen Gruppe von Menschen zu sprechen – je größer, sprich anonymer, desto besser – dies schreibe ich jedoch dem Umstand zu, dass ich dann praktisch eine sanktionierte Aufgabe habe und zielgerichtet handeln kann.

    Small Talk um des Small Talks hingegen verwirrt mich bis heute.

    Wie können wir so tun, als sähen wir nicht weiter als bis hinter die zweite oder dritte Maske?

    Und ich gestehe zu, dass ich möglicherweise die Regeln nie verstanden habe – noch einmal: nicht aus Weigerung, sondern aus Unvermögen.

    Dies ist es auch, was ich daran liebe, in verschiedene Länder zu reisen – zu sehen, wie man in verschiedenen Gesellschaften mit Nähe und dem Sehen des Gegenübers umgeht.

    Am meisten „zu Hause“ habe ich mich bisher in Russland und mit Menschen gefühlt, die aus dem „russländischen“ Einzugsbereich kommen, wo es weniger unausgesprochene Gesetze gibt – oder vielleicht sind mir die bestehenden Gesetze intuitiv einfach vertrauter? In jedem Fall ist der Umgang generell direkter und weniger von Codes bestimmt. Für jemanden wie mich, der Dinge sehr buchstäblich nimmt, weil ich selbst versuche, möglichst ehrlich zu sein, ist das sehr erholsam – die Rätselraterei fällt weg.

    Dieser direkte Umgang scheint im Gegenzug die Fähigkeit der Menschen, hinter die Masken zu sehen, zu stimulieren. Mich hat die Aussage eines ehemaligen russischen Liebhabers, der unter seinen Kollegen laut und jovial auftrat, über meine zeitweise komplizierten emotionalen Manöver verblüfft: das sind Kleinigkeiten, das ist nur der Charakter. Ähnlich äußerte sich eine georgische Freundin über einen gemeinsamen bekannten (äußert charmanten) Filou, indem sie meinte, er sei unzuverlässig und bisweilen ein Miststück, aber er habe ein Herz aus Gold.

    Und beide Äußerungen erfolgten ohne die geringste Ladung, eher so, als stelle man fest, jemand habe braune Augen und möge Eis.

    Derart differenzierte Wahrnehmungen von Menschen hatte ich bis dato nur in Büchern angetroffen, die Menschen in ihrer Gesamtheit beschreiben.

    Vielleicht ist das meine große Sehnsucht – lockere Unterhaltungen über das führen zu können, was ich für wesentlich erachte: was jeden einzelnen von uns wirklich ausmacht und gerade bewegt.

    Hier bin ich unendlich dankbar für meine wunderbaren Freunde, mit denen ich solche Gespräche führen kann!

    Doch alles zu seiner Zeit, in dem Rhythmus an Nähe und Ferne, der mir gut tut. 🙂

    Spannend, oder? Ich habe nun noch immer nicht geklärt, ob auf mich das Label ADHD zutrifft, oder in welchem Ausmaß. Doch darum geht es hier auch nicht, oder eben darum, dass es nicht ums Labeln geht.

    Am Ende zählt, dass wir alle in unserer Gesamtheit und unserer Einzigartigkeit gesehen werden – und sich wiederzuerkennen wie ich in diesem Beitrag, tut oft gut.

    Doch schlussendlich kommt es immer darauf an, wie wir mit uns selbst umgehen.

    Solange ich also immer freundlicher auf meine Bedürfnisse höre und sie nicht als anormal abtue, sondern als eben meine besondere Art der Verarbeitung von Reizen sehe, die sich verschiedentlich äußern kann, kann ich sie einfach stehen lassen.

    Ich muss sie weder als gut oder schlecht, angemessen oder unangemessen, noch als gewöhnlich oder besonders einstufen, sie sind einfach.

    Wie steht es bei Dir?

    • Welche Art von Nähe ist Dir wichtig, wieviel davon und mit wem?
    • Wie viel Zeit magst Du dazwischen zum „Verdauen“ der Eindrücke habe, zum Sortieren?
    • Wenn wir uns keine hochtrabenden Labels verleihen müssten, um unsere Andersartigkeit zu rechtfertigen, wie freundlich könnten wir dann einfach das wählen, was uns persönlich im jeweiligen Moment taugt?
    • Was, wenn ALLE Varianten cool sind, einfach, weil es sie gibt?
  • Was für ein Geschenk, jemandem zu begegnen, der ein wahrhaft glückliches Leben geführt hat!

    Ein Mann, der seine Frau über alles liebte, glücklich in und mit seiner Arbeit war und gemeinsam mit seiner Geliebten das Leben in vollen Zügen genoss!

    Was ich aus meinen wenigen, aber umso erhellenderen Gesprächen mit diesem bemerkenswerten Mann lernen durfte, sind nicht nur die Stationen seines Lebens – die mich durch ihre Leichtigkeit verblüfften und wie eines zum anderen führte –, sondern das durchdringende Gefühl von Frieden, Dankbarkeit und Wohlwollen, das er ausstrahlt.

    Es ist, als sei sein Universum so reich und erfüllt, dass darin kein Raum für Kleinlichkeit oder Misstrauen ist, und er wirkt weder hilflos noch bedürftig, obwohl seine Situation durchaus etwas Unterstützung von außen verlangt.

    Ich wurde Doug von Liz vorgestellt, die ihn jede Woche besucht, seit seine geliebte Frau vor erst zwei Monaten verstarb. Da ihre Kinder in Großbritannien leben und er in dem Haus bleibt, das das Ehepaar über 20 Jahre lang in der Dordogne geteilt hat, gibt es nur wenige Menschen, die persönlich nach ihm sehen können.

    Doch als ich ihn zum ersten Mal traf, wirkte er durchaus zufrieden und heiter. Liz‘ wöchentliche Besuche während ihrer Abwesenheit zu „übernehmen“ – und nach anfänglicher Befürchtung, ob wir genug Gesprächsstoff haben würden, und ob er mich gut verstehen könnte, da er ein Hörgerät braucht – muss ich sagen, dass es ein Privileg ist, ihn zu besuchen und mit ihm zu sprechen. Wo mein Vater, der im Alter ebenfalls schwerhörig wurde, wegen mir und der Situation frustriert war, hat Doug die Geduld, Kommunikation mühelos geschehen zu lassen. Und wie üblich, wenn man mit jemandem mit einer völlig anderen Vorgeschichte spricht, brachten mich unsere Gespräche dazu, einige meiner Grundüberzeugungen zu hinterfragen, die ich einfach von meiner Familie übernommen hatte.

    Mein Vater hatte nämlich als Kind ebenfalls den Krieg erlebt, und als seine Armut sein Medizinstudium vorzeitig beendete, wurde er Soldat – mit der ausdrücklichen Absicht, Schaden abzuwenden, damit es keine weiteren militärischen Konflikte geben würde. Heute war ich erstaunt, von Doug über drei laufende Kriege während der Zeit seiner Wehrpflicht zu erfahren – Malaysia, Korea und Kenia –, in die sein Land verwickelt war, denen er aber glücklicherweise nicht beitreten musste, während mein Vater, solange er lebte, nie auch nur in die Nähe einer Kampfsituation kam, obwohl er Berufssoldat war.

    Vielleicht muss ich hier erwähnen, dass Doug und mein Vater nur drei Jahre auseinander sind. Wo Doug total gegen das Militär war – obwohl er seine zwei Dienstjahre als Chance sah, seinen Horizont zu erweitern –, war mein Vater dafür, aber als Mittel zum Zweck: Frieden – ein Gleichgewicht der Kräfte, das eine Entwicklung wie die der 1930er Jahre ausschließen würde.

    Wäre es nach meinem Vater gegangen, wäre er Arzt geworden, nicht unähnlich Doug, der Tierarzt wurde, und beide teilen eine Liebe zur Geschichte und eine wohlwollende Haltung gegenüber Menschen – aber hier enden die Ähnlichkeiten. Ich möchte jedoch nicht, dass mein kleiner Text zu einem Vergleich mit meinem geliebten Vater wird, sondern lediglich ein staunendes Zeugnis bleibt.

    Doug genoss es, viele Menschen zu kennen, und unterhielt die Gäste am Esstisch, selbst wenn er spät von der Arbeit nach Hause kam, weil er eine späte Operation übernommen hatte. Er und seine Frau reisten gerne und packten freitagabends ihr Auto, um mehrere Stunden hinunter zur Küste zu fahren, um das Wochenende mit guten Freunden zu verbringen, nur um sonntags nachts die Rückreise anzutreten. Als ihnen ein Herrenhaus zufiel, überlegten sie, wie sie es am besten nutzen könnten, und luden Bridge- und Kunstlehrer ein, kostenlose Kurse für alle Interessierten anzubieten. Die Gäste blieben tagelang und wurden von Pam bewirtet, die das Kochen von ihrem Mann gelernt hatte.

    Nach seiner Pensionierung erfüllten sie sich einen lebenslangen Traum und zogen nach Montcaret, das sie bis dahin nur in den Ferien besucht hatten. Da Pam sehr gut Französisch sprach, war das naheliegend, und sie genossen ihr Leben wirklich und gründlich. Doug, etwas weniger versiert im Französischen, trat dennoch einem lokalen Bridge-Club bei, wo der polnische Lehrer von den Teilnehmern verlangte, zwischen den Treffen zu Hause zu üben. So kam die Gruppe jedes Mal in einem anderen Haus zusammen, und zu Dougs Belustigung nannten sie ihn „den Professor“. Anscheinend hatte er ein Händchen dafür.

    Pam und er gingen auf Kreuzfahrten und sahen alle möglichen Orte, und später, als sie schon alle Ausflüge kannten, hatten sie das Deck für sich und nippten gemütlich an ihren Drinks.

    Sie hielten sich gegenseitig fit, indem sie täglich Kreuzworträtsel-Duelle austrugen, und scheuten sich nicht, einander zu korrigieren, aber nie im Geist des Wettbewerbs, sondern immer liebevoll.

    Kein Wunder also, dass ich ihn bei bester Laune antreffe, was es zu einem Vergnügen macht, Zeit mit ihm zu verbringen und über alle möglichen Dinge zu sprechen. Ich freue mich auf weitere Gespräche und darauf, mein erstes Weihnachts-Lunch – am 25. Dezember – mit Doug zu teilen!

  • Dordogne – Ankunft und Eingewöhnung

    Nach einer köstlich langsamen Anreise, die es mir ermöglichte, alle vorab ausgewählten Stationen auf dem Weg zu genießen, ohne in Stress zu geraten, kam ich am ersten Dezember um Punkt 17 Uhr bei meinem ersten offiziellen House-Sit für zwei Schnurrhaarträger an. Meine Gastgeberin Liz legte dies als deutsche Pünktlichkeit aus, lach, doch ehrlicherweise hatte ich einfach nur einen extra großen Zeitpuffer eingeplant.

    Der Empfang war herzlich und überwältigend, und genau so verlief auch die Zeit bis zur Abreise von Liz und ihrem Mann Henk drei Tage später – von früh bis spät gab es spannende Einweisungen, viele neue Gesichter und unendlich viele neue Eindrücke.

    Liz und ihr Ehemann Henk haben in der malerischen Dordogne ein wunderbares kleines „Dorf im Dorf“ mit fachmännisch ausgestatteten Häusern errichtet – es nennt sich VIN-T-AGE und ist für Leute ab 55 gedacht, die gerne unabhängig leben und doch eine lockere Gemeinschaft genießen möchten. In den geschmackvoll und nach neuestem Stand gestalteten und ausgebauten Häusern leben interessante Menschen aus aller Welt.

    Dieser Umstand sowie die vielen Außenskulpturen von Henk im weitläufigen Garten machen diesen Ort ganz besonders, der sich harmonisch in das 1200 Seelen große Montcaret einfügt.

    Henk arbeitet ständig fachmännisch an den neu hinzugekommenen Häusern, hält Gartenanlage und Pool in Schuss, und ist mit seinen absolut unglaublichen 75 Jahren so schnell unterwegs, dass ich kaum Schritt halten konnte, als er mich einmal zur Mairie mitnahm. Auch bei der Gartenarbeit, bei der ich mich anbot zu helfen, legte er ein solches Tempo vor, dass ich mir fast alt vorkam. 🙂

    Liz ist die meisterhafte Organisatorin, bei der alle Fäden zusammenlaufen und die gefühlt alle im Landkreis kennt. Ohne viel Aufhebens kümmert sie sich tatkräftig um andere Menschen, bringt sie zusammen, führt das gesamte Projekt und schmeißt nebenher noch den Haushalt. Damit nicht genug, geht sie mehrfach in der Woche zum Sport und zum Tanzen – und kümmert sich um immer neue Katzen, die bei ihr Zuflucht suchen.

    Nun sind die beiden länger verreist, sodass Ushi und Muphasa sowie Haus und Garten für 5 Wochen jemanden brauchen, der sich kümmert. Dankbarerweise fiel diese Aufgabe – vermittelt über eine Online-Plattform – mir zu!

    Anfangs gab es ein wenig Drama, denn Muphasa, der wilde Kater, floh zumeist vor mir und machte sich dann ganz rar, was mir wirklichen Kummer bereitete. Doch Liz erklärte mir, er sei das Gewusel im Haus mit so vielen Leuten auf einmal nicht gewohnt und würde sich entspannen, sobald sie abgereist seien.

    Dennoch ließ mich der Zweifel nicht los, er könne vielleicht irgendetwas an mir partout nicht ausstehen. Im Gegensatz dazu war mir die süße kleine schielende Ushi von Anfang an offen und verschmust und kuschelte ihr Köpfchen in meine Armbeuge.

    Gott sei Dank bewahrheitete sich Liz’s Vorhersage – sobald ich alleine mit den beiden war, taute auch Muphasa zusehends auf, und inzwischen darf ich auch ihn ausgiebig kraulen, und seine Entspannung, wenn er wie ein Plüschtier auf dem Teppich liegt und mit zuckenden Pfoten träumt, spricht Bände.

    Nach einer intensiven Eingewöhnungsphase habe auch ich meinen Rhythmus gefunden. Schon letztes Wochenende war ich so entspannt, dass ich das örtliche Museum besuchte… Ja, es ist kaum zu glauben, doch in unter 5 Minuten Gehzeit findet sich eine gallo-romanische Kirche und Überreste eines Friedhofs, die wiederum auf einer ausladenden römischen Villa mit Thermen und Kaltbecken errichtet worden waren. Heute bietet der Ort eine faszinierende Mischung von Ausgrabungen aus weit auseinanderliegenden Epochen – dies wird definitiv nicht mein letzter Besuch bleiben!

    So steckt dieser kleine Ort voller Überraschungen, und ich freue mich schon ungemein auf meinen ersten Ausflug nach Bordeaux, das nur 50 Minuten mit dem Zug entfernt ist!

    Bisher bestimmen Garten- und Poolpflege, meine Online-Sessions, ausgedehnte Spaziergänge und erste Kontakte mit den netten Leuten hier meinen Alltag – doch die Krönung ist und bleibt das Füttern und Streicheln der beiden Vierbeiner.

    Ich bin gespannt, was die Zeit hier noch bringen wird!

  • Endlich frei… in Freiburg!

    Hier lernten meine Eltern sich kennen – er aus Recklinghausen und Medizinstudent, sie aus Nürnberg und Studentin der Anglistik und Germanistik.

    Bei einem fakultätsübergreifenden Ball trafen sie sich, zwei hochsensible und lebenshungrige junge Menschen mit einer schwierigen Vorgeschichte, und verliebten sich Hals über Kopf.

    Endlich war da jemand, der Leid, Tiefe und Lebenslust in derselben Intensität teilte, wie sie selbst.

    Die Freiheit, die sie hier von ihrem bisherigen Leben erlebten, muss berauschend gewesen sein.

    Die freundliche und weite Landschaft mit Auen, Wäldern, Wasser und Bergen, fast ganz im Süden Deutschlands, Studentenfeiern und neue Erfahrungen.

    Auf meiner ersten Station Richtung Frankreich bin ich bewusst nach Breisach gefahren, wo meine Eltern offenbar einmal übernachtet haben – dies legt zumindest die alte Hoteladresse nah, die ich in einem ihrer Notizbücher fand. Natürlich werden sie dies nicht als Studenten getan haben, da das Geld nicht dafür dagewesen wäre.

    Doch die Landschaft, die Aussichten, die ich heute trotz der Kälte habe einfangen können, lassen ahnen, wie meine Eltern die besondere Atmosphäre und die schon fast französische Luft hier genossen haben müssen.

    Ich erinnere mich daran, wie sie von ihren Studentenjahren sprachen:

    Meine Mama in einem Zimmer in der Stadt mit (eigentlich) Männerverbot, großen Schüsseln zum Waschen und heimlichen Ausflügen zur Bäckerei – Croissants! – und mein Papa außerhalb von Freiburg zur Untermiete, so arm, dass er teilweise nur Brot und Senf zu essen hatte – und doch die Freiheit genoss, mit dem Rad in die Stadt zu fahren, auch wenn ihm einmal vor Kälte auch fast die Wimpern zufroren.

    Die wenigen Bilder aus dieser Zeit zeigen sie ausgelassen bei Feiern, auch wenn sie wie alle anderen damals erwachsener aussahen als spätere Generationen.

    Als meine Mutter als Au Pair nach Paris ging, folgte ihr mein Papa und heuerte in einer Werkstatt an. Als er bei einem französischen Wagen unwissentlich das Benzin in die falsche Öffnung füllte, wurde er fast gefeuert. Und die Gastfamilie meiner Mutter war so sehr auf eine schlanke Linie bedacht, dass sogar sie, die sich zeitlebens damit brüstete, sich nichts aus Essen zu machen, später gemeinsam mit ihrem geliebten Freund Baguette, Käse und Wein auf der Parkbank genoss.

    Ihre Erzählungen von den Künstlern an der Seine, von der Zeit der Tanzabende und Jazzkonzerte in Freiburg klangen wirklich wunder-bar, wenn auch nostalgisch, wie eine nie wiederzubringende Zeit.

    Ich bin dankbar, heute wenigstens einen Hauch von dieser Atmosphäre mitgenommen zu haben – und stoße auf die absolute Freiheit meiner Eltern an, zu der sie nun geworden sind!

  • Zwischenstopp in Deutschland

    Lange Zeit war nichts von mir zu hören – dabei hatte ich doch alles ganz anders geplant!

    Nach meinem letzten Beitrag über die Ausnahmesituation, ohne Internet zu sein, erwischte mich eine Erkältung und anschließend Covid, sodass ich die restliche Zeit in Frankreich abgetrennt von der süßen Loulou buchstäblich zitternd in einer anderen Wohnung verbrachte, jeden Tag auf Besserung hoffend.

    Der einzige Lichtblick war meine liebe Freundin, die inzwischen mit den Kindern von ihrer Reise zurückgekehrt war und mir jeden Tag bei ihren Besuchen köstliches Essen und so viel Anteilnahme und menschliche Wärme mitbrachte, dass es mir zumindest moralisch besser ging.

    Alle Kraft, die ich irgendwie erübrigen konnte, bündelte ich, um die wichtigsten Schüler und Klienten zu „versorgen“. Ansonsten war es eine Zeit ungemeiner Schwäche, erbärmlichen Frierens (sogar eine Matratze entzog mir gefühlt zu viel Wärme, sodass ich das Sofa vorzog), des Anstrengungsschwitzens, der nicht enden wollenden Kopfschmerzen und des unruhigen Wartens auf Besserung, da ich nie Fieber bekomme, sondern alle Krankheitsverläufe quälend langsam auf Sparflamme vor sich gehen.

    Das einzige „Highlight“ war ein Besuch beim Arzt, zu dem mich meine Freundin begleitete, um gegebenenfalls zu dolmetschen. Denn obwohl er so schnell wie ein Wasserfall sprach, verstand ich ihn im Großen und Ganzen! Das war eine angenehme Überraschung.

    Und ich brachte auch noch ungewollt eine komische Einlage, als ich seiner Aufforderung „Tirez la langue“ nach körpersprachlicher Rückversicherung bei meiner Freundin buchstäblich folgte, indem ich meine Zunge mit einer Hand festhielt und versuchte, sie „herauszuziehen“… Der Doktor blieb jedoch ganz unbeeindruckt und sprudelte weiter… 

    Sobald es meine Verfassung zuließ, traf ich mich mit meiner Freundin zu Spaziergängen am Meer, und auch meine liebe Loulou sah ich noch einige Male – sie war laut meiner Freundin auch anders nach unserem Abschied. Ihr Mann meinte später, sie sei wohl nicht mehr ganz zufrieden mit ihnen nach dem „Corinna-Spa“… Ach, Loulou!

    Langsam krabbelte ich wieder aus meiner Grube, wenn es auch immer wieder Rückschläge gab. Am Tag meiner Abfahrt sprach mir meine Freundin gut zu, doch noch einmal zu versuchen, eine Kur zu beantragen, was mir einen unglaublichen moralischen Aufschwung gab. So fuhr ich zwar mit kalten Füßen und schwummrigen Kopf los, fühlte mich jedoch dank viel kürzerer Reiseetappen als auf der Hinfahrt und der sich langsam einstellenden Fahrfreude (ein beheizbarer Autositz ist so ein Segen!) mit jedem Tag besser. Entgegen dem von meiner Mutter propagierten Muster, erst loszulegen, wenn man sich 100-prozentig gut fühlt, erschloss ich mir das langsame Vorwärtsgehen auch bei 60 Prozent, Kilometer für Kilometer.

    In Deutschland angekommen bestätigte mir mein Hausarzt, dass ich Corona gehabt hatte, und gab mir auch gleich Mittel gegen alle anderen Infektionen, die meinen Körper noch schwächten. Seither hat sich das intensive Frieren und die Neigung zu Erkältungen fortgesetzt, was die Übernachtungen bei meinen Freunden teilweise trübte. Und doch möchte ich diese Begegnungen nicht missen!

    Am schönsten und wärmsten war es bei den lieben neuen Besitzern des Hauses meiner Eltern – sowohl physisch als auch emotional. Sie meinten, ich sei gar kein Gast, sondern Teil der Familie, also das Familienmitglied, das noch fehlte. So habe ich es auch empfunden – bei ihnen im schön neu hergerichteten Gästezimmer fühlte ich mich so wohlig und zu Hause im ehemaligen Haus meiner Eltern wie noch nie zuvor!

    Beladen mit Köstlichkeiten – auch schon von meiner Freundin zuvor – brach ich wie eine russische Studentin nach einem Besuch bei den Eltern zu meiner nächsten Zwischenstation vor meiner Abreise nach Frankreich auf: Stuttgart!

    Auf unerklärliche Weise fühle ich mich in dieser Stadt immer einen Ticken wohler, lebendiger, attraktiver.

    Diesmal nutzte ich eine gute und günstige Unterkunft, die mir erlaubte, es mir so warm zu machen, wie es mein Körper eben gerade braucht. (Wer weiß, vielleicht möchte er mir ja signalisieren, dass ich nach anderen Gefilden Ausschau halten sollte? ;-)) Und ich traf in meinem Tempo liebe Freunde und auch ehemalige Kollegen meiner Schwester.

    Besonders berührend war es, in der Unibibliothek tatsächlich Bücher von ihr zu finden, die ich an ihrer Signatur im Einschlag oder wenigen handschriftlichen Notizen erkannte. So haben die 1200 Bücher aus ihrem Nachlass in ihrer Heimatuni Eingang in einen würdigen Korpus an Büchern gefunden und stehen nun zahllosen Studenten zur Verfügung – ganz in ihrem Sinne!

    Nun steht bald meine Abfahrt zum ersten „offiziellen“ Housesit in der Dordogne bevor – die Route mit vielen historischen Zwischenstopps steht schon; jetzt bleibt mir nur noch, verschiedentliche Körner und Getreide, die es so nicht in Frankreich gibt, sowie Lebkuchen für meine „Gastgeber“ zu besorgen.

    Ich bin sehr dankbar für diese Zeit, die mich lehrte und lehrt, noch geduldiger mit mir und meinem Körper zu sein. Bei den zahlreichen amtlichen Begegnungen – Hausratversicherung, Führerscheinmeldestelle, Lagerhaus, Polizei, Glasfaserkabelanbieter, Bank, Finanzamt etc. – , gelang es mir immer mehr, alles Schrittchen für Schrittchen anzugehen und nicht in Panik zu geraten.

    Über Jahrzehnte hatte ich immer alle Formalitäten unter extremem Zeitdruck neben nicht enden wollenden Arbeitseinheiten erledigen müssen und war schnell aus der Bahn geworfen, wenn nicht alles sofort „flutschte“. Nun erfahre und lerne ich, dass alles lösbar ist und selbst zunächst schreckeinflößende Behörden wie Finanzamt und Polizei eben auch nur aus Menschen bestehen, mit denen man – welch Überraschung! 😉 – tatsächlich sprechen kann!

    Mir wurde auch klar, dass ich mit dieser Reaktion ein Muster meines Papas imitierte, der bei uns zu Hause bis auf wenige Ausnahmen alles schultern musste und diese Rolle als Kriegskind schon früh verinnerlicht hatte. Daraus ergab sich eine Mischung aus der Überforderung, nicht kindgerechte Aufgaben lösen zu müssen, und dem Frust, immer alles alleine machen zu müssen – ein Cocktail, den ich offenbar energetisch übernommen hatte.

    Kennst Du auch solche „Knotenpunkte“ oder Stolpersteine, wenn sich bei Dir alles zusammenschnürt, Dein Atem flach wird und Du diese eine Sache so schnell wie möglich hinter Dich bringen möchtest?

    Wo der souveräne Erwachsene, der Du normalerweise bist, sich plötzlich verflüchtigt und Du in Verhaltensweisen und Reaktionen verfällst, die eher einem überforderten Kind ähneln?

    Wenn Du was auch immer gerade ansteht, ruhig und aus der Sicht des Erwachsenen, der Du heute bist, betrachtest – ist es wirklich so furchteinflößend, oder könnte ein ruhiges Herantreten an diese Sache vielleicht ganz andere Perspektiven eröffnen?

    Gerade bin ich selbst überrascht, dass mein ursprünglich als kurze Schilderung meines Zwischenstopps in Deutschland geplanter Beitrag diese Wendung nimmt. 🙂

    Doch was wäre, wenn allein diese Erkenntnis aus der krankheitsbedingten Verlangsamung schon eines der Geschenke ist, die ich habe mitnehmen dürfen – abgesehen von der Erkenntnis, dass ich auch weitermachen kann, wenn ich nicht hundertprozentig gesund bin?

    Ich fasse mich in Geduld und „tue“ vielleicht langsamer, lasse mich jedoch nicht mehr aufhalten!

    In diesem Sinne wünsche ich auch Dir vielleicht noch ein wenig mehr Geduld mit Dir selbst – damit, wie Dein Körper reagiert, beim Aufdecken und Loslassen übernommener Muster, beim Erkunden, wie Du HEUTE auf Dinge reagierst und was Dir wirklich guttun würde.

    Als Fragen formuliert:

    • Wie viel Geduld kannst Du heute mit Deinem Körper haben?
    • Wo wiederholst Du energetische Muster Deiner Eltern (und kannst sie einfach loslassen)?
    • Wenn Du keine vorgefertigte Meinung dazu hättest, wie Du wann worauf reagierst –wie geht es Dir JETZT mit ______?
    • Was würde Dir JETZT wirklich guttun?

    Ich wünsche Dir einen wunder-vollen Tag!

  • Wenn der Körper den Weg weist 3

    Empfangen, Licht und Loulou: Ein Tag ohne Internet
    Der Genuss, am Leben zu sein, Teil II

    Ein Tag ohne Internet.

    Nach über 30 Stunden wackliger Verbindung mit unzähligen Versuchen, sie zu richten, nun der Komplettausfall.

    Ganz draußen am Meeresufer gibt es paradoxerweise so viel Netz, dass immerhin die vorbereiteten Nachrichten an meine Schüler rausgehen.

    Eine gute Gelegenheit, um meinen nächsten Blog zu schreiben.

    Über meine herrliche Zeit hier im Süden.

    Über die Sonne, das Licht, die Weite.

    Und nun auch über den Regen, die Strom- und Internetausfälle…

    Am Meer habe ich vorhin dieses Bild aufgenommen – was für ein herrliches Spektakel!

    Und zugleich bemerkt, wie sehr mich die Aussicht entspannt, heute einmal kein Internet zu haben.

    Wie viel tiefer und ruhiger ich atme.

    Wie die innere Tagesstruktur ihre Eisenklaue um mein Hirn auf einmal lockert.

    Auf einmal tut sich so viel Zeit auf!

    Dabei ist das Internet die Welt, die gerade mir als digitaler Nomadin ALLES ermöglicht:

    den Kontakt mit Klienten, Schülern und Freunden,

    die Möglichkeit, auf den verschiedensten Kanälen zu posten,

    die Quelle für Nachrichten aus aller Welt und Unterhaltung.

    Paradoxerweise scheint das einen gewissen Druck aufzubauen, wie mir gerade mein Körper dadurch zeigt, wie es sich anfühlt, wenn das Internet zumindest vorübergehend wegfällt.

    Die Momente werden intensiver.

    Mein Hirn – noch mitgenommen von einer abklingenden Sinusitis – entspannt sich zusehends.

    Die Zeit erstreckt sich auf einmal unendlich.

    Meine Wahlen werden so viel größer.

    Und ich fühle mich zurückversetzt in Zeiten, als es diesen ständigen Unterhaltungs- und Kommunikationskomplex für die Handtasche nicht gab:

    Als der Höhepunkt an Technologie als Kind war, mich mit Freunden am Telefon mit Wählscheibe zu verabreden – wenn wir das nicht schon in der Schule getan hatten – und ich alle vierstelligen Telefonnummern auswendig kannte!

    Als ich als Studentin auf den unendlich langen Zugfahrten nach Russland, die ich mir mit Jobs und eisernem Sparen immer wieder ermöglichte, dieselbe Blues-Kassette mit dem Walkman rauf- und runterhörte – wohlgemerkt nicht auf automatischer Dauerschleife, sondern ich musste die Kassette herausnehmen, umdrehen und wieder auf Play drücken… ;-).

    Als ich später als DAAD-Tutorin in Russland nur einmal pro Woche im Computer-Kabinett der Uni E-Mails an meine Familie verfassen konnte, die je nach Stabilität der Verbindung am Ende der Stunde mal durchgingen, mal nicht. Und dies über 9 Monate die einzige Kommunikation war, da Telefonieren zu teuer war.

    Wie ich all das empfand?

    Nach der Reaktion meines Körpers, der sofort ganz ruhig wird und durchatmet, als frei und leicht und „ganz da“.

    Heute spricht man so viel von Mindfulness, davon, im Moment, im Hier und Jetzt, präsent zu sein. Es werden Techniken angeboten und umfassend erörtert, wie man wohl diesen Zustand am besten erreichen kann.

    Dabei wird bisweilen jedoch das Präsentsein zu einem weiteren Ziel, das es zu erreichen gilt und dem man nur während bestimmter Zeiteinheiten, wie beim Yoga, einem schönen Bad oder einem Spaziergang in der Natur, Raum gibt.

    In der Werbung gibt so viele Anspielungen auf präsenzversprechende Pausen wie nie zuvor: ob es nun um Tee, ein Auto oder Kinder-Pingui geht.

    Zwar wird auch das ständige Online-Sein durchaus als Risikofaktor identifiziert, der dem Präsentsein entgegenwirkt, doch gelebt und praktiziert wird etwas anderes.

    Die vielfältigen Angebote der bunten Online-Welt sind allzu verlockend, und bewirken zugleich einen gewissen Druck.

    Zumindest mich machen die Symbole ungelesener Nachrichten unrund, während ihr „Abhaken“ mein Belohnungszentrum befriedigt. Doch beim nächsten Griff zum Handy schaue ich schon wieder nach den nächsten Benachrichtigungen.

    Es scheint ein aussichtsloser Kampf zu sein, sich dem zu entziehen.

    Doch was, wenn es einfacher ginge, präsent zu sein, als wir uns einreden lassen?

    Wie wäre es, wenn wir uns ohne jegliche weitere Bewertung und Überlegung darauf einlassen, einfach so zu sein, wie wir jetzt gerade sind?

    Und uns erlauben, die eigenen Gefühle wahrzunehmen und sie „durchlaufen“ zu lassen, ohne zwischen vermeintlich guten oder schlechten Empfindungen zu unterscheiden?

    Wie wäre es, keine besonderen Zeiträume mehr abteilen zu müssen fürs „Präsentsein“?

    Wenn ich ganz im Moment bin, während ich abwasche, während ich ein schwieriges Gespräch mit einem Klienten führe, oder während ich esse, brauche ich keine besonderen Rituale mehr.

    Möglicherweise bin ich sogar effizienter, wenn ich nicht schon 10 Schritte vorausdenke, und vor allem habe ich dann jeden Moment so ausgeschöpft, so tief erlebt, dass ich nicht mehr zu ihm zurückkehren muss.

    Natürlich gibt es Momente, die so intensiv sind, dass der Geist abschalten möchte. Dann kann eine spätere Betrachtung des Geschehenen durchaus wichtig sein.

    Als jemand, der dies leider exzessiv betrieben hat – wo schon beim Aufwachen die Analysemühle des Vortags einsetzte – bin ich allerdings sehr dankbar, nun einen anderen Ansatz gefunden zu haben: nämlich die Dinge genau jetzt zu er-leben und dann weiterzugehen.

    Für alle mit normalem „Dabeisein“ verarbeitbaren Momente reicht es mir nun aus, sie einfach voll und ganz zu erleben, um dann aus dem Sein heraus bewusst die nächsten Momente zu gestalten.

    Ein Beispiel:

    Ich habe ein unangenehmes Gespräch mit einem Klienten. Indem ich voll und ganz „dabei“ bin, spüre und erkenne ich, wo es hakt, was für mich tolerabel ist und was nicht und wozu der Klient bereit ist und wozu nicht.

    Danach signalisiert mir mein Körper vielleicht, dass er sich bewegen möchte, um alle Emotionen, die ihn in Bewegung, in „Motion“ gebracht haben, durchlaufen zu lassen.

    Schließlich komme ich innerlich zur Ruhe und erkenne, wie ich nun weiter verfahren kann, wobei mein Körper mit seinen Signalen den Ausschlag gibt.

    So ist der unangenehme Moment bereits „verarbeitet“.

    Und im Anschluss kann ich mich ganz dem nächsten widmen, zum Beispiel dem Abendessen.

    Tatsächlich habe ich auch hier durch die Bewegung einen zusätzlichen Zeitraum geschaffen, der dem Präsentsein gewidmet war, doch ergab er sich nicht aus vorheriger Planung, sondern folgte organisch aus den vorherigen präsenten Momenten, gefolgt vom nächsten präsenten Moment.

    Was ich derzeit hier im wundervollen Süden Europas erlebe, ist äußerst inspirierend im Bezug aufs volle Da-Sein, trotz oder gerade aufgrund des erzwungenen Offline-Modus.

    Meine größte Lehrerin im reibungslosen Wechsel der Gemütszustände ist hierbei – Überraschung, Überraschung – die liebe Loulou :-).

    Sie kommt früh maunzend an mein Bett, ganz im „Wenn Du mich nicht bald fütterst, verhungere ich elendiglich“-Modus… wohlgemerkt nur, wenn es die Situation erlaubt!

    Bin ich nämlich krank oder extrem müde, weiß sie sich durchaus zurückzunehmen; entweder, indem sie noch wartet oder weniger „aufreizende“ Laute von sich gibt.

    Sie spürt ganz genau meine Bereitschaft und Fähigkeit, ihren Wünschen zu entsprechen, und passt ihre Äußerungen an.

    Wenn sie dann ihr Futter bekommt und spürt, dass ich es gerade niedlich finde, wenn sie mir laut miauend um die Beine streicht, bringt sie mich vor Begeisterung samt Schüsselchen fast zu Fall. Snoopys Freudentanz ist nichts dagegen …

    Merkt sie hingegen, dass ich gerade Kopfschmerzen habe oder mir wünsche, es mal mit weniger Drama über die Bühne gehen zu lassen, kann sie ganz zurückhaltend sein.

    In der Regel ist es aber einfach pure Freude, ihr das heißersehnte Futter zu geben, da ich sie so gut nachvollziehen kann!

    Wenn sie ihr Schüsselchen spiegelsauber leegeleckt hat, folgt ein Ritual: Sie wetzt ins Haus und krallt sich in den Bastteppich, und wartet scheinbar nur darauf, dass ich sie anspreche. Dann jagt sie flugs die Treppe hoch, als wäre ich ein bedrohliches Monster. Oben hockt sie ein paar Minuten unter dem Bett, vermeintlich gut versteckt.

    Wenn jedoch unten etwas ist, das ihre Aufmerksamkeit erfordert, kommt sie völlig entspannt wieder herunterspaziert, als sei nichts gewesen, und tut ihre Wünsche kund – zumeist möchte sie dann von ihrer Pförtnerin rausgelassen werden.

    Und auch da ist sie sehr deutlich: Ist es ihr zu kalt, kommt sie gleich wieder rein und verzieht sich aufs Sofa, ist es jedoch schön und sonnig, sucht sie sich draußen ein Plätzchen, an dem sie es sich so richtig gemütlich macht. Und dann verbringt sie Stunden dort, in immer wieder neuen wohligen Positionen – die sie übrigens auch auf dem Sofa zu finden weiß.

    Ab und zu verschwindet sie über den Gartenzaun, besonders gerne abends und nachts, und ich bin sicher, dass sie da draußen spannende Dinge erlebt.

    Wenn wir aber beide auf dem Sofa sitzen und sie gerade mal damit ihre Toilette beendet hat, schaut sie gerne zu mir rüber und kommt für ein Weilchen auf meinen Schoß, wo sie sich ausgiebig hinter den Ohren, unterm Kinn und an den Bäckchen kraulen lässt – und natürlich sind auch Streicheleinheiten am Rücken, am Bauch und sogar ihren langfingrigen Pfoten willkommen.

    Sie zeigt immer sofort, was ihr gefällt und was nicht.

    Und wenn sie genug hat – was dauern kann, sodass ich bisweilen mit triefender Nase da sitze, weil ich vergessen habe, mir Taschentücher bereit zu legen – trollt sie sich wieder. Allerdings legt sie sich dann gerne schräg auf die Seite und stemmt sich mit ihren weichen Fußsohlen in meine Beine.

    Ich bin ihr so dankbar für ihr unverfälschtes Sein, das so sehr zu genießen weiß!

    Ganz zu schweigen von den Momenten, in denen sie zu mir kam, wenn ich weinte oder mich kränklich fühlte und mich durch ihr Schnurren bald wieder beruhigte.

    Einen nahtloseren Wechsel zwischen verschiedenen Gefühlszuständen ohne irgendwelchen Ballast kann ich mir derzeit nicht vorstellen. Und ich bin schon sehr gespannt darauf zu sehen, wie sie sie mit ihrer Familie verhält, die in einigen Tagen zurückkommt.

    Was, wenn wir alle ein wenig mehr so leben könnten wie Loulou?

    Also uns und unseren Körpern zugestehen, uns das zu holen, was uns gerade am meisten guttut?

    Das kann damit anfangen, dass wir spüren, wie wir sitzen, gehen, stehen und atmen.

    Und dann einfach immer wieder feinjustieren, wie es noch angenehmer sein kann – hier und jetzt, und nicht erst in der Yogastunde.

    Und ja, vielleicht wird sogar der Wunsch geringer, uns online berieseln zu lassen, wenn wir uns der unverfälschten und unmittelbaren Welle des Moments hingeben?

    Damit will ich nicht behaupten, dass „online“ kein wichtiges Element sei.

    Alles hat seine Zeit und seinen Raum – doch was, wenn wir bei der Reihenfolge und Dauer aller Elemente immer mehr unseren Körper den Ton angeben lassen?

    Ich bin sicher, dass wir so ein wenig mehr wie Loulou werden können, die auf dem Absatz kehrt macht, wenn ihr etwas nicht taugt, und sich ihre Streicheleinheiten holt, wo immer es geht.

    Meine – heute vielleicht nur halb ernst gemeinten – Fragen an Dich:

    1. Wo kannst Du auf dem Absatz kehrt machen und so launisch sein wie eine Katze?
    2. Was, wenn Streicheleinheiten ein MUSS sind, das Du auch von Dir selbst einfordern solltest? (Sprich: Kannst Du in Deinem inneren Monolog heute ein bisschen netter zu Dir sein als sonst?)
    3. Was, wenn Du darauf vertrauen kannst, alles zu schaffen, was wirklich zählt, solange Du auf Deinen Körper hörst?

  • Wenn der Körper den Weg weist 2

    Empfangen, Licht und Loulou: Die Ankunft im Süden
    Der Genuss, am Leben zu sein, Teil I

    Wie in meinem letzten Blog angekündigt, brach ich nach dem heilenden Aufenthalt am Schliersee nach Südfrankreich auf.

    Dies war nun eine Reise, die an Länge und unbekannten Faktoren alles überstieg, was ich je zuvor gewagt hatte. Die Strecke betrug 1200 Kilometer, führte durch Österreich und die Schweiz nach Frankreich und dann ganz hinunter in den Süden.

    Zum Glück war kein Linksverkehr involviert – das hätte den Vogel für mich abgeschossen… 😉

    Dank der wunderbaren Vorbereitung meiner Freundin hatte ich die Reise in zwei Abschnitte unterteilt, mit Zwischenstopp bei ihrem Mann, der unter der Woche beruflich in der Schweiz lebt. Er sollte mich mit weiteren Tipps und Tricks für die Fahrt versorgen.

    Die Fahrt zu ihm dauerte sechs Stunden – abgesehen von den Pausen – und war nach anfänglicher Aufregung, ob ich die Vignetten rechtzeitig würde kaufen können, insgesamt eine recht glatte Angelegenheit. Meine liebe Freundin am Schliersee hatte mich vor der Abreise mit Informationen und energetischer Unterstützung innerlich gestärkt.

    Ich war erstaunt, wie schnell die Schweizer fuhren und passte mich insgesamt dem Flow an, der sich nach meinem Empfinden nicht viel von dem auf deutschen Autobahnen unterschied, nur eben bei geringerer Grundgeschwindigkeit.

    Mein Schrecken war riesig, als mir der Mann meiner Freundin erklärte, auch bei einer Geschwindigkeitsübertretung von nur einem km/h würden einem in der Schweiz Strafzettel ins Haus flattern. Warum dann fuhren alle wie die Henker – zumindest nach Georgias Tacho?

    So geeicht, schwitzte ich bei der Weiterfahrt Blut und Wasser in meinem Versuch, mich an die Geschwindigkeiten zu halten, was offenbar selbst die Schweizer spürbar aggressiv machte. Der Übertritt nach Frankreich versprach Erleichterung, doch nur zu Beginn. Je mehr ich in den Süden kam, umso greller wurde das Licht für meine auf Herbst umgestellten Augen, und umso spontaner empfand ich die Überholmanöver der LKW. Es war einfach eine fürchterlich lange Fahrt: Nach jeweils drei Stunden brauchte ich eine Pause von einer Stunde und kam nach 11 Stunden völlig fertig mit den Nerven am Ziel an.

    Das letzte Stück – eine geschlängelte Sumpflandschaft- und Uferstraße, die berüchtigt ist für waghalsige Raser und gefährliche Überholmanöver – hatte ich vermeiden sollen, doch aufgrund meiner Übermüdung und der Furcht, den letzten Saft auf meinem Handy zu verlieren, war ich doch hineingeraten.

    Ein Raser hinter mir fuhr so dicht auf und blendete mich, dass ich in Panik auf einen winzigen Nothalt abfuhr, der eine ganze Asphaltschicht tiefer lag als die Straße und vornehmlich aus den hiesigen Sand- und Felsformationen bestand. Dies hatte ich in der Eile nicht gesehen. Nachdem ich mich einigermaßen beruhigt hatte – ich weinte und hyperventilierte nur noch unkontrolliert – musste ich aber wieder hoch auf die Straße. Beim Auffahren über eine sehr abschüssige Kante kratzte ich gefühlt den Bauch von Georgia an, und sie war ebenso schwach auf der Brust wie ich, was meinen Panikmodus sofort wieder aktivierte.

    Gott sei Dank war ein älteres Ehepaar hinter mir, das betont Abstand hielt und mit Lichtsignalen bewirkte, das mich niemand mehr überholte. So zog ich heulend und hyperventilierend gefühlt 20 Minuten lang eine ganze Kolonne an Wagen hinter mir her, bis ich endlich am Eingang der Siedlung zum Halten kam… dankenswerterweise direkt vor einer Apotheke.

    Als ich ausstieg, war mir so schwummrig, dass ich mich mehrmals auf den Asphalt setzen musste. In der Apotheke half mir eine Mitarbeiterin trotz meines gebrochenen Französisch ganz toll, verkaufte mir ein pflanzliches Beruhigungsspray und riet mir, erst einmal das Haus zu Fuß zu suchen und dann mit dem Wagen hinzufahren. Dieser Rat erwies sich als Gold wert.

    Wie sich herausstellte, war ich nicht weit von meinem Ziel zum Stehen gekommen und konnte nach dem kleinen Erkundungsgang tatsächlich viel ruhiger die liebe Georgia in der Nähe vom Haus parken.

    Innerlich erschüttert trug ich die wichtigsten Dinge aus dem Wagen ins Haus und sprach mit Freunden, die mir sofort halfen, mich zu beruhigen. Dennoch fühlte ich mich doch sehr aufgeschmissen und alleine; der Schrecken saß mir buchstäblich in den Knochen.

    Da ertönte ganz in meiner Nähe plötzlich ein deutliches Maunzen: Die karamellfarbene Loulou hatte sich bei den vielen Bast-Accessoires im ansonsten strandfarben eingerichteten Haus bis dahin optisch nicht abgehoben. Dabei hatte sie offenbar schon die ganze Zeit geduldig auf dem Bürostuhl gesessen und geschaut, wer und was denn da so angekommen war.

    Aufgeregt, aber freundlich strich sie mir um die Beine, beschnupperte und markierte bald alles mit dem Mundwinkel. Sie ließ sich auch erstaunlich schnell kraulen – vor allem aber wollte sie natürlich ihr abendliches Futter. Dieses fand ich dank der wunderbaren Anleitungen meiner Freundin sehr schnell, und mein angeschlagenes Nervenkostüm beruhigte sich zusehends.

    Langsam konnte ich auch den tollen Präsentkorb wahrnehmen, den sie im Namen von Katze und Familie vorbereitet hatte, und ich fand auch mein Schlafgemach.

    Als ich endlich wieder aß und trank – nach einem Tag mit bewusst wenig Flüssigkeits- und Nahrungsaufnahme, um nicht zu müde zu werden bzw. nicht ständig zur Toilette zu müssen – bemerkte ich, dass ein Großteil der Panik genau deswegen hatte Fuß fassen können.

    Zudem hatte ich durch den Blick aufs Navi – der durch die Installation meines Handys im neu erworbenen Handyhalter zum ersten Mal möglich geworden war – mein wirkliches Fahrtempo gesehen – ich lag regemäßig unter der Geschwindigkeit auf meinem Tacho!

    Im Nachgang bedeutete dies zweierlei:

    All die Leute, die mich in der Vergangenheit betont echauffiert überholt hatten – und dies trotz meiner Bemühungen, eben nicht „Punkt xx“ zu fahren – hatten richtig gelegen: Offenbar war ich ständig viel zu langsam unterwegs gewesen!

    Zum anderen ließ sich nun aber auch hoffen, dass mein erster Tag der Ausschweifungen in der Schweiz gar nicht so ausschweifend gewesen war. Möglicherweise war ich gerade richtig gefahren…

    Kein Wunder, dass mir alle wie Raser vorgekommen waren!

    Dennoch saß der Schrecken noch tief, sodass ich mit dem Autofahren noch einige Tage nach meiner dramatischen Ankunft wartete. Und als ich dann wieder fuhr, stellte ich zu meiner Erleichterung fest, dass es Georgia gut ging. Außerdem waren die Leute insgesamt – bis auf wenige Ausnahmen, die auch bei durchgezogener Linie ohne Einsicht in die vorausliegenden Kurven mit Aufblendlicht überholen, sehr gemächlich unterwegs. Überdies hatte ich nun endlich eine korrekte Geschwindigkeitsanzeige – die mir übrigens auch verriet, dass offenbar auf Landstraßen in Frankreich 80 km/h Höchstgeschwindigkeit gelten… Erkenntnisse über Erkenntnisse. 😉

    Nun aber zurück zur wunderbaren Katzendame, die fortan meinen Aufenthalt bestimmte. Ihre Zutraulichkeit war und ist ein so süßes Geschenk, dass ich es gar nicht in Worte fassen kann.

    Ich hatte eine wilde Katze erwartet, die ausschließlich über das vergitterte Küchenfenster ein- und aussteigt, wenn sie will, generell aber ihr Ding macht und höchstens zum Fressen kommt.

    Die Loulou, die ich erleben darf, ist zutraulich, anschmiegsam, gesprächig und äußerst genießerisch.

    In den ersten Tagen war ich noch sehr vorsichtig und einmal ganz traurig, als ich sie scheinbar durch eine plötzliche Bewegung verschreckt hatte: Nach einer „zutraulichen“ Nacht, in der sie sogar auf meinem Fuß geschlafen hatte, war sie am Morgen nach Futter und Streicheln auf einmal weggestoben und seither nicht mehr gesehen.

    Meine Freundin beruhigte mich und erklärte, das sei normal – innerlich dominierte jedoch meine alte automatische Reaktion, ich habe etwas falsch gemacht und unwiederbringlichen Schaden angerichtet.

    Als Madame Katze dann am Abend wiederkam, war es, als sei nichts gewesen, und seither bin ich absolut fein mit egal welchen Stimmungen sie an den Tag legt.

    Ich meine auch herausbekommen zu haben, dass dieses „Wegstieben“ eine Art Ritual ist, das ihr sogar Spaß macht. Als ich es einmal lachend kommentierte, hielt sie auf der Hälfte der Treppe inne und schaute fragend herunter.

    Was sie alles versteht, ist unfasslich – und dann wieder nicht: Sie ist ja ein sehr bewusstes Wesen mit Wünschen und Vorlieben, das jederzeit die Energie um sich herum liest.

    Umso dankbarer bin ich ihr, dass sie mir jeden Tag und jede Nacht zum Genuss macht; abgesehen vielleicht vom bisweilen sehr frühen morgendlichen Aufweckmaunzen, damit ich ihr ihr Futter gebe. 🙂

    Je länger wir Zeit miteinander verbringen, umso mehr reicht es, Dinge nur an sie hinzudenken, um zu wissen, dass sie weiß, was ich meine.

    Und das gilt auch umgekehrt! 🙂

    Als ich einmal abends beim Filmegucken – ein wunderbarer Anlass, sie auf dem Schoß zu haben und ausgiebig zu streicheln, bis es ihr zu warm wird – mein angekabeltes IPad näherholte, um etwas umzuschalten, haschte sie sachte nach dem Kabel.

    Ich erinnerte mich daran, dass es extra tolle Paketschnüre für sie gab, holte eine her und wedelte damit vor ihrem Gesicht herum. Der Blick, den ich erntete, war so voller Verachtung, als hätte ich ihre Ehre und ihren Verstand gekränkt. Sie hatte sogar ungläubig den Kopf schiefgelegt und verschwand dann wortlos, oder vielmehr maunzlos.

    Ist es nicht klasse, wie wieder das Tier mich heranzieht und nicht umgekehrt?

    Während sie vorher durchs Küchenfenster musste, um ins Haus und aus dem Haus zu gelangen, weiß sie nun, welche Geräusche sie von außen mit ihren Pfötchen und von innen mit ihren Krallen machen muss, damit ihre ergebene Dienerin Haus- oder Terrassentür öffnet, damit sie entspannt hindurchspazieren kann.

    Doch dies ist ein „Dienen“, das Freude macht.

    Und… huch, JETZT muss ich sie füttern gehen – das Maunzen ist inzwischen eindeutig zu laut und eindringlich!

    Um einen Eindruck von ihrer unendlichen Fähigkeit zu genießen zu vermitteln, füge ich ein paar Bilder hinzu.

    Dieses Mal habe ich gar nicht viele Fragen an Dich, höchstens:

    1. Hast Du jemanden (und dazu zähle ich Tiere), der uneingeschränkt genießen kann?
    2. Wenn ja, erlaubst Du Deinem Körper, mitzuschwingen auf diesem Vibe?
    3. Was, wenn es nie ein Zuviel an Schlaf oder Liebkosung geben kann? 😉

  • Wenn der Körper den Weg weist – 1

    Zwischenstation am Schliersee: Eine Lektion in Willkommensein

    Seit meinem letzten Blogpost hat sich ungemein viel ereignet auf meinem Weg der Sammlung jener Elemente, die MEIN Zuhause ausmachen.

    Und schneller als erwartet bin ich wieder on the move.

    Wie es dazu kam?

    Durch die immer lauter werdende Stimme meines Körpers.

    Meine letzte Unterkunft im Grünen, die im Sommer so paradiesisch gewesen war, wandelte sich im angehenden Herbst zusehends zur Kältefalle für mein vorbelastetes System.

    Nach einer Woche Urlaub in einem isolierten und gut beheizbaren Raum schlug alles um.

    Plötzlich wogen alle Dinge, die zuvor ein erträgliches Maß an Anpassung erfordert hatten, unendlich schwer, ich hatte Dauerhalsschmerzen und war ständig am Abgrund einer Sinusitis. Trotz drei Decken und so vieler Schichten an Nachtkleidung, wie nur gingen, konnte ich oft nur von Mitternacht bis um vier früh schlafen, um mich dann weit vor Sonnenaufgang in Bewegung zu stürzen. Ich zählte die Nächte, schleppte mich durch die Tage… und suchte aktiv nach einer Lösung.

    Ich recherchierte Wohnungen auf Zeit in Stuttgart, vereinbarte Besichtigungstermine und fuhr nur vier Tage später mit dem Deutschlandticket los. Allein in die vertraute Gegend zu kommen, die mich mit meiner Schwester sowie ihren und meinen Freunden verbindet, war ungemein wohltuend.

    Das intensive Besichtigungswochenende zeigte jedoch schnell, dass dies zumindest zu diesem Zeitpunkt nicht die Lösung ist – mein Körper war schnell wieder auf der Kippe zur Krankheit, und es kam auch kein Mietvertrag zustande.

    Doch dann ergab sich aus einem Gespräch mit einer Freundin eine wahrhaft phantastische Fügung – im Folgemonat würde ihr Haus im Süden Frankreichs einen Monat leerstehen und die halbwilde Katze müssten sie mit in die Stadt nehmen. Wenn ich jedoch Haus und Katze hüten würde, wäre allen gedient. Dies war die Lösung! Zumal sich diese Gelegenheit elegant an meinen ersten schon lange geplanten House-Sit bei Freunden im Schliersee anschließen würde.

    So brach ich also meine Zelte ab, verbrachte innerhalb von fünf Tagen all meine Habseligkeiten in ein professionelles Lagerhaus und fuhr nach einem freundlichen, aber bestimmten Abschied vom vormaligen grünen Paradies los, mit einer vollbepackten Georgia!

    Georgia ist mein wunderbar zuverlässiges Auto, das ich allerdings aus mangelndem Anlass kaum gefahren hatte, weswegen ich immer noch ängstlich war. Die relative Abgeschiedenheit und phantastische ländliche Ruhe des grünen Paradieses hatte jedoch bewirkt, dass sich ein Schalter umlegte – auf einmal war Fahren kein Freizeitvergnügen mehr und ich gewann sogar zweitweise Gefallen daran.

    Zwar hatte ich immer noch Respekt vor unbekannten und vor allem „längeren“ Strecken – bei maximalen Fahrten von drei Stunden in der Vergangenheit war diese Grenze für mich schnell erreicht – und doch wagte ich mich ins Abenteuer – und kam auch, o Wunder, heil an, ohne größere Seelenqualen. 🙂

    Im Haus meiner lieben Freunde, die zu einer lang geplanten Reise aufbrachen, erwarteten mich die beiden vierbeinigen Mitbewohner, die ich schon von vorherigen Besuchen und Kursen kennen und lieben gelernt hatte: Kitti, das zarteste schwarze Kätzchen der Welt, das so leicht ist, dass ich sie immer in die Handtasche stecken möchte, und die tiefenentspannte goldene Hundedame Gina.

    Zunächst war es ungewohnt, ohne meine lieben Freunde deren riesiges Haus zu bewohnen, aber dank der Tierchen war ich ja nicht alleine, im Gegenteil.

    Zumal sich bald ein Rhythmus der Gassigänge einstellte, bei dem Gina mich dreimal am Tag für mindestens eine halbe Stunde aus dem Haus holte – nicht ganz einfach mit meinem Online-Unterricht zu koordinieren, doch ich bekam es hin.

    Sie half mir mit ihrem geduldigen Warten und einwandfreien Gehorchen, mich mit der neuen Aufgabe zurechtzufinden – sie zum Wegesrand zu rufen, wenn ein Auto kommt, sie eventuell an die Leine zu nehmen, wenn jemand sonst Angst hätte, ihre Hinterlassenschaften aufzusammeln, und natürlich sie bei Gehorchen mit Leckerli zu belohnen.

    Eigentlich war ich ja die Aufpasserin und Versorgerin, die dachte, sie gibt den Ton an, doch ehrlich gesagt coachte sie mich. 🙂

    Die einzige stark verhandlungsfähige Frage war, wie viele Leckerli sie denn bekommen solle. Und da Spaziergänge auch Leckerli bedeuten, wurde ich sehr oft angestupst, wie oben beschrieben, auch schon früh morgens.

    Durch Gina kam ich ohne Fehl hinaus in die herrliche Natur, die sogar bei Regen und grauem Himmel einfach nur belebend war. Und bald kam ich mir auch schon nicht mehr komisch vor, wenn sich meine Gespräche nun auch auf die Vierbeiner erstreckten.

    Nach und nach ließ mein Körper den Schrecken der kurzen, aber intensiven Kälteerfahrung, die alte Traumata aufgerührt hatte, wieder los. Die bis in die letzten Fasern verkrampften Muskeln lösten sich zusehends mit jedem Spaziergang. Meine Augen erwarteten nicht mehr in allen Ecken und Ritzen davonhuschende Schatten, und zu jeder Tages- und Nachtzeit Warmwasser und Heizung nutzen zu können, war ein Segen.

    Ich konnte wieder schlafen und sah meinem Tagwerk freudig entgegen.

    Dennoch drückten das herbstliche Grau und die Dunkelheit langsam aufs Gemüt. Also freute ich mich fast so unbändig wie Kitti und Gina über die Rückkehr meiner Freunde, obwohl wir zu dritt ein tolles Team geworden waren!

    Ich bin sehr dankbar für diesen weiteren Schritt auf meinem Weg, bei dem ich den Signalen meines Körpers folge. Genaugenommen hatte er sich ja bereits während des Verkaufs und Verlassens meines Elternhauses ganz deutlich zu Wort gemeldet und den Ablauf getaktet.

    Sich einzugestehen, was Körper, Geist und Seele wirklich wohl tut und was nicht, und dem nach Möglichkeit nachzugeben, ist ein ungemeines Geschenk, vielleicht das größte, das ich mir je gemacht habe.

    Auf diesem weiteren Schritt nun machte ich eine wundervolle Erfahrung: nämlich, wie es sich anspürt, in einem Haus willkommen zu sein, in dem ich mir alles nehmen und alles nutzen darf, wonach mir ist. In dem man mir so sehr vertraut, mich um die vierbeinigen Familienmitglieder zu kümmern, dass keinerlei Kontrolle erforderlich ist – zumal die Frage eh ist, wer sich hier um wen kümmert. Wie es ist, wenn man sich gegenseitig gut aufgehoben weiß und jeder einfach seine Zeit an dem Ort genießt, an dem er gerade ist.

    Dies war ein immenses Geschenk nach Jahren der gefühlten Dienerschaft in vertrauten Gefilden.

    Frage an Dich, lieber Leser:

    Wo fühlst Du Dich voll und ganz willkommen?

    Wer vertraut Dir so sehr, dass er Dir seine Liebsten anvertraut?

    Und – um auf den Anfang des Berichts einzugehen:

    Räumst Du Deinem Körper und seinen Signalen genug Raum ein?