
Hier lernten meine Eltern sich kennen – er aus Recklinghausen und Medizinstudent, sie aus Nürnberg und Studentin der Anglistik und Germanistik.
Bei einem fakultätsübergreifenden Ball trafen sie sich, zwei hochsensible und lebenshungrige junge Menschen mit einer schwierigen Vorgeschichte, und verliebten sich Hals über Kopf.
Endlich war da jemand, der Leid, Tiefe und Lebenslust in derselben Intensität teilte, wie sie selbst.
Die Freiheit, die sie hier von ihrem bisherigen Leben erlebten, muss berauschend gewesen sein.
Die freundliche und weite Landschaft mit Auen, Wäldern, Wasser und Bergen, fast ganz im Süden Deutschlands, Studentenfeiern und neue Erfahrungen.
Auf meiner ersten Station Richtung Frankreich bin ich bewusst nach Breisach gefahren, wo meine Eltern offenbar einmal übernachtet haben – dies legt zumindest die alte Hoteladresse nah, die ich in einem ihrer Notizbücher fand. Natürlich werden sie dies nicht als Studenten getan haben, da das Geld nicht dafür dagewesen wäre.
Doch die Landschaft, die Aussichten, die ich heute trotz der Kälte habe einfangen können, lassen ahnen, wie meine Eltern die besondere Atmosphäre und die schon fast französische Luft hier genossen haben müssen.
Ich erinnere mich daran, wie sie von ihren Studentenjahren sprachen:
Meine Mama in einem Zimmer in der Stadt mit (eigentlich) Männerverbot, großen Schüsseln zum Waschen und heimlichen Ausflügen zur Bäckerei – Croissants! – und mein Papa außerhalb von Freiburg zur Untermiete, so arm, dass er teilweise nur Brot und Senf zu essen hatte – und doch die Freiheit genoss, mit dem Rad in die Stadt zu fahren, auch wenn ihm einmal vor Kälte auch fast die Wimpern zufroren.
Die wenigen Bilder aus dieser Zeit zeigen sie ausgelassen bei Feiern, auch wenn sie wie alle anderen damals erwachsener aussahen als spätere Generationen.
Als meine Mutter als Au Pair nach Paris ging, folgte ihr mein Papa und heuerte in einer Werkstatt an. Als er bei einem französischen Wagen unwissentlich das Benzin in die falsche Öffnung füllte, wurde er fast gefeuert. Und die Gastfamilie meiner Mutter war so sehr auf eine schlanke Linie bedacht, dass sogar sie, die sich zeitlebens damit brüstete, sich nichts aus Essen zu machen, später gemeinsam mit ihrem geliebten Freund Baguette, Käse und Wein auf der Parkbank genoss.
Ihre Erzählungen von den Künstlern an der Seine, von der Zeit der Tanzabende und Jazzkonzerte in Freiburg klangen wirklich wunder-bar, wenn auch nostalgisch, wie eine nie wiederzubringende Zeit.
Ich bin dankbar, heute wenigstens einen Hauch von dieser Atmosphäre mitgenommen zu haben – und stoße auf die absolute Freiheit meiner Eltern an, zu der sie nun geworden sind!

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