Schlagwort: Heimat

  • Wenn der Körper den Weg weist – 1

    Zwischenstation am Schliersee: Eine Lektion in Willkommensein

    Seit meinem letzten Blogpost hat sich ungemein viel ereignet auf meinem Weg der Sammlung jener Elemente, die MEIN Zuhause ausmachen.

    Und schneller als erwartet bin ich wieder on the move.

    Wie es dazu kam?

    Durch die immer lauter werdende Stimme meines Körpers.

    Meine letzte Unterkunft im Grünen, die im Sommer so paradiesisch gewesen war, wandelte sich im angehenden Herbst zusehends zur Kältefalle für mein vorbelastetes System.

    Nach einer Woche Urlaub in einem isolierten und gut beheizbaren Raum schlug alles um.

    Plötzlich wogen alle Dinge, die zuvor ein erträgliches Maß an Anpassung erfordert hatten, unendlich schwer, ich hatte Dauerhalsschmerzen und war ständig am Abgrund einer Sinusitis. Trotz drei Decken und so vieler Schichten an Nachtkleidung, wie nur gingen, konnte ich oft nur von Mitternacht bis um vier früh schlafen, um mich dann weit vor Sonnenaufgang in Bewegung zu stürzen. Ich zählte die Nächte, schleppte mich durch die Tage… und suchte aktiv nach einer Lösung.

    Ich recherchierte Wohnungen auf Zeit in Stuttgart, vereinbarte Besichtigungstermine und fuhr nur vier Tage später mit dem Deutschlandticket los. Allein in die vertraute Gegend zu kommen, die mich mit meiner Schwester sowie ihren und meinen Freunden verbindet, war ungemein wohltuend.

    Das intensive Besichtigungswochenende zeigte jedoch schnell, dass dies zumindest zu diesem Zeitpunkt nicht die Lösung ist – mein Körper war schnell wieder auf der Kippe zur Krankheit, und es kam auch kein Mietvertrag zustande.

    Doch dann ergab sich aus einem Gespräch mit einer Freundin eine wahrhaft phantastische Fügung – im Folgemonat würde ihr Haus im Süden Frankreichs einen Monat leerstehen und die halbwilde Katze müssten sie mit in die Stadt nehmen. Wenn ich jedoch Haus und Katze hüten würde, wäre allen gedient. Dies war die Lösung! Zumal sich diese Gelegenheit elegant an meinen ersten schon lange geplanten House-Sit bei Freunden im Schliersee anschließen würde.

    So brach ich also meine Zelte ab, verbrachte innerhalb von fünf Tagen all meine Habseligkeiten in ein professionelles Lagerhaus und fuhr nach einem freundlichen, aber bestimmten Abschied vom vormaligen grünen Paradies los, mit einer vollbepackten Georgia!

    Georgia ist mein wunderbar zuverlässiges Auto, das ich allerdings aus mangelndem Anlass kaum gefahren hatte, weswegen ich immer noch ängstlich war. Die relative Abgeschiedenheit und phantastische ländliche Ruhe des grünen Paradieses hatte jedoch bewirkt, dass sich ein Schalter umlegte – auf einmal war Fahren kein Freizeitvergnügen mehr und ich gewann sogar zweitweise Gefallen daran.

    Zwar hatte ich immer noch Respekt vor unbekannten und vor allem „längeren“ Strecken – bei maximalen Fahrten von drei Stunden in der Vergangenheit war diese Grenze für mich schnell erreicht – und doch wagte ich mich ins Abenteuer – und kam auch, o Wunder, heil an, ohne größere Seelenqualen. 🙂

    Im Haus meiner lieben Freunde, die zu einer lang geplanten Reise aufbrachen, erwarteten mich die beiden vierbeinigen Mitbewohner, die ich schon von vorherigen Besuchen und Kursen kennen und lieben gelernt hatte: Kitti, das zarteste schwarze Kätzchen der Welt, das so leicht ist, dass ich sie immer in die Handtasche stecken möchte, und die tiefenentspannte goldene Hundedame Gina.

    Zunächst war es ungewohnt, ohne meine lieben Freunde deren riesiges Haus zu bewohnen, aber dank der Tierchen war ich ja nicht alleine, im Gegenteil.

    Zumal sich bald ein Rhythmus der Gassigänge einstellte, bei dem Gina mich dreimal am Tag für mindestens eine halbe Stunde aus dem Haus holte – nicht ganz einfach mit meinem Online-Unterricht zu koordinieren, doch ich bekam es hin.

    Sie half mir mit ihrem geduldigen Warten und einwandfreien Gehorchen, mich mit der neuen Aufgabe zurechtzufinden – sie zum Wegesrand zu rufen, wenn ein Auto kommt, sie eventuell an die Leine zu nehmen, wenn jemand sonst Angst hätte, ihre Hinterlassenschaften aufzusammeln, und natürlich sie bei Gehorchen mit Leckerli zu belohnen.

    Eigentlich war ich ja die Aufpasserin und Versorgerin, die dachte, sie gibt den Ton an, doch ehrlich gesagt coachte sie mich. 🙂

    Die einzige stark verhandlungsfähige Frage war, wie viele Leckerli sie denn bekommen solle. Und da Spaziergänge auch Leckerli bedeuten, wurde ich sehr oft angestupst, wie oben beschrieben, auch schon früh morgens.

    Durch Gina kam ich ohne Fehl hinaus in die herrliche Natur, die sogar bei Regen und grauem Himmel einfach nur belebend war. Und bald kam ich mir auch schon nicht mehr komisch vor, wenn sich meine Gespräche nun auch auf die Vierbeiner erstreckten.

    Nach und nach ließ mein Körper den Schrecken der kurzen, aber intensiven Kälteerfahrung, die alte Traumata aufgerührt hatte, wieder los. Die bis in die letzten Fasern verkrampften Muskeln lösten sich zusehends mit jedem Spaziergang. Meine Augen erwarteten nicht mehr in allen Ecken und Ritzen davonhuschende Schatten, und zu jeder Tages- und Nachtzeit Warmwasser und Heizung nutzen zu können, war ein Segen.

    Ich konnte wieder schlafen und sah meinem Tagwerk freudig entgegen.

    Dennoch drückten das herbstliche Grau und die Dunkelheit langsam aufs Gemüt. Also freute ich mich fast so unbändig wie Kitti und Gina über die Rückkehr meiner Freunde, obwohl wir zu dritt ein tolles Team geworden waren!

    Ich bin sehr dankbar für diesen weiteren Schritt auf meinem Weg, bei dem ich den Signalen meines Körpers folge. Genaugenommen hatte er sich ja bereits während des Verkaufs und Verlassens meines Elternhauses ganz deutlich zu Wort gemeldet und den Ablauf getaktet.

    Sich einzugestehen, was Körper, Geist und Seele wirklich wohl tut und was nicht, und dem nach Möglichkeit nachzugeben, ist ein ungemeines Geschenk, vielleicht das größte, das ich mir je gemacht habe.

    Auf diesem weiteren Schritt nun machte ich eine wundervolle Erfahrung: nämlich, wie es sich anspürt, in einem Haus willkommen zu sein, in dem ich mir alles nehmen und alles nutzen darf, wonach mir ist. In dem man mir so sehr vertraut, mich um die vierbeinigen Familienmitglieder zu kümmern, dass keinerlei Kontrolle erforderlich ist – zumal die Frage eh ist, wer sich hier um wen kümmert. Wie es ist, wenn man sich gegenseitig gut aufgehoben weiß und jeder einfach seine Zeit an dem Ort genießt, an dem er gerade ist.

    Dies war ein immenses Geschenk nach Jahren der gefühlten Dienerschaft in vertrauten Gefilden.

    Frage an Dich, lieber Leser:

    Wo fühlst Du Dich voll und ganz willkommen?

    Wer vertraut Dir so sehr, dass er Dir seine Liebsten anvertraut?

    Und – um auf den Anfang des Berichts einzugehen:

    Räumst Du Deinem Körper und seinen Signalen genug Raum ein?