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  • Eine, die auszog in die Welt, um sich selbst zu erkunden

    Wie in meiner Ankündigung formuliert, geht es mir in dieser Reisephase, während der ich verschiedene Häuser und Länder erkunde, darum herauszufinden, was mir wirklich taugt und was nicht, was mich am Ende glücklich und erfüllt leben lässt.

    Ich hatte dies vor allem auf die äußerlichen Lebensumstände bezogen und kann sagen, dass ich bisher einige Details gesammelt habe, die mir für ein wirklich angenehmes Leben wichtig sind:

    Körperlicher Komfort: Eine Dusche, die ich nicht jedes Mal ausgiebig putzen muss, eine rundum angenehme Temperatur im Haus – sodass ich weder ständig gegen das Frieren noch gegen ein Zerfließen vor Hitze kämpfen muss – und ein Sofa, um auch tagsüber meinen Rücken entspannen zu können.

    Bewegungsfreiheit: Direkter Zugang zur Natur, die Möglichkeit, morgens meine kleine Bewegungsrunde zu absolvieren, ohne zu frieren oder von anderen Verpflichtungen abgehalten zu werden, und die zeitliche und räumliche Freiheit für lange Spaziergänge alleine.

    Arbeitsumgebung: Gutes WLAN und ein einwandfrei funktionierender Computer, damit ich sorgenfrei arbeiten kann.

    Grundversorgung: Die Möglichkeit, wann immer ich es brauche zu duschen und mir die Haare zu waschen, schmackhaftes und gesundes Essen, ein angenehmes Bett. Als Bonus: schöne bunte Glasfenster im Bad, regulierbare Heizkörper, Duft und ein guter Ort zum Wäschetrocknen.

    Da ist schon eine Menge zusammengekommen, wie ich sehe.

    Was ich aber viel interessanter finde, sind die Mosaiksteinchen, die ich in der zwischenmenschlichen Ebene zusammengetragen habe.

    Station 1: Nestwärme vor dem großen Aufbruch

    Mein erster House-Sit bei meinen Freunden in Bayern war wie ein kurzes Verschnaufen in einer vertrauten Umgebung, bevor ich zu meiner ersten langen Autofahrt alleine nach Südfrankreich aufbrach. Wie ein Durchatmen im Nest, ein Gefühl von Daheimsein – und dass meine Freundin mir vor meiner Abreise ihre Adresse als Notkontakt auf einen Zettel schrieb, damit ich ihn in mein Portemonnaie stecke, berührte mich zutiefst.

    Station 2: Vertrautheit einer alten Freundschaft

    Die zweite Station bei meiner Freundin in Südfrankreich mit der zauberhaften Katzendame Loulou war wie ein Eintauchen in die Welt meiner Schwester – hatten sie doch früher zusammengelebt und sich über Jahrzehnte gekannt. Außerdem hatte diese Freundin mich häufig als Studentin beherbergt, wenn ich nach Stuttgart kam, als meine Schwester in den USA war. So waren mir so viele Dinge in dem Haus vertraut, und die freundliche Sorge wie auch ihre Dankbarkeit, dass ich mich um Loulou kümmerte, erlaubten mir, erste Schritte aus meinem selbstgewählten Schneckenhaus zu machen. Wo ich mich zuvor – neben unfreundlichen Nachbarn im Haus meiner Eltern eingesperrt – kreuzunglücklich gefühlt hatte, machte ich nun lange Spaziergänge am Strand, sobald ich alle Schüler für den Tag „verarztet“ hatte, wagte ich mich ins örtliche Gemeindekino und die Geschäfte und genoss die Gesellschaft der unglaublich zarten und freundlichen Loulou.

    Dass nach der viel früheren Rückkehr meiner Freundin und ihrer Kinder mein Körper mit Krankheit reagierte – er wollte die vertraute Umgebung nicht verlassen – war misslich. Doch es ließ alte Wunden aufbrechen, damit der Eiter abfließen konnte. Beim Abschied redete mir meine Freundin ins Gewissen, einen weiteren Versuch zu unternehmen, eine Kur zu beantragen (was leider wieder abgelehnt wurde), doch dies gab mir die „Erlaubnis“, überhaupt in Betracht zu ziehen, dass ich vielleicht noch mehr Heilung brauche.

    Der Zwischenstopp in Deutschland legte zutage, wer mir wirklich freundlich gesonnen ist, und es tat gut, zum nächsten House-Sit aufzubrechen.

    Station 3: Ankommen in einer elterlichen Gemeinschaft

    Dieser Aufenthalt in einer unglaublich freundlichen kleinen Gemeinschaft – wieder im Süden Frankreichs – mit zwei wilden Katzen, die es zu versorgen galt, gab mir so viel elterliche und freundschaftliche Wärme, dass sich mein Nervenkostüm eindeutig weiter beruhigte. Der Aufenthalt war aufgrund meiner Veranlagung, immer alle bestens umsorgen zu wollen, sowie einiger physischer Umstände (Sauberkeit, Komfort und Wärme nicht ganz nach meinem Geschmack), nicht frei von Aufregung, Sorge und Gefühlswallungen, doch die Wertschätzung, die man mir entgegenbrachte, die Offenheit, das Einbezogenwerden in die Gemeinde, war einfach phantastisch. Es fühlte sich an, als sei ein großes Loch in mir gestopft worden. Zum ersten Mal erhaschte ich einen Blick darauf, wie es sein kann, wenn ich wirklich geschätzt werde. Auch die Dankbarkeit für meine Behandlungen, die ich einigen Leuten dort angedeihen ließ, bestärkten mich in meinem Können.

    Der Zwischenaufenthalt in Deutschland war wieder spannend und zeigte mir auf, wem wirklich an mir liegt.

    Station 4: Auf mich allein gestellt – mit Raum zum Schreiben

    Nun bin ich in Großbritannien in der von mir im letzten Blog beschriebenen „Privet-Drive“-Situation. (Für alle, die den vorherigen Post nicht gelesen haben: Ich beschrieb darin, wie sehr meine extrem eingeengte häusliche Situation sich anfühlt wie Harry Potter bei Tante und Onkel.) Diese ist jedoch nicht ohne Nutzen – zum einen habe ich mit der moralischen Unterstützung wunderbarer Freunde, unter anderem der beiden Freundinnen von den ersten beiden House-Sits, einen Modus gefunden, wie ich den Aufenthalt hier aushaltbar mache – und zum anderen habe ich so die Möglichkeit, viel zu schreiben und mein Buch noch einmal durchzuarbeiten.

    Anders ausgedrückt: Die Situation zwingt mich, wertfrei zu erkennen, wenn jemand manipulativ ist und unangemessene Forderungen stellt, und mich davon nicht irritieren zu lassen, sondern für mich zu sorgen. Und ich habe den Raum und die Zeit, mich mit den dunkleren Seiten von mir auseinanderzusetzen – mit Hilfe eines Programms, das sich Shadow Work nennt.

    PLUS: Ich habe in London erspürt, wie großartig bunt mein Leben sein könnte, wenn ich es wähle.

    Zusammengefasst

    Bisher habe ich folgende Stationen durchlaufen:

    1. Nestwärme vor dem Start in die große weite Welt.

    2. Vertrautheit einer alten Freundschaft, die meine Schwester mit einbezieht.

    3. Ankommen und Aufgenommenwerden in einer elterlichen Gemeinschaft.

    4. Auf-mich-allein-gestellt-sein in einer begrenzenden Situation mit viel Zeit zum Schreiben.

    Zum Nachdenken

    Welche äußeren Bedingungen brauchst Du, um Dich wirklich wohlzufühlen?

    Welche zwischenmenschlichen Erfahrungen haben Dich auf deinem Weg am meisten genährt?

    Wo befindest Du Dich gerade auf Deiner eigenen Reise der Selbsterkundung?

  • Meine ganz eigene Privet Drive-Erfahrung…

    … oder zumindest fühle ich mich eingesperrt in einem unheimlich ähnlichen Haus in der britischen Vorstadt …

    Wie alles begann

    Aber wie bin ich hier gelandet? Lasst mich von vorne anfangen.

    Als ich noch in Südfrankreich war und mich um zwei süße Katzen und ein riesiges Anwesen kümmerte, kam mir der Gedanke, dass ich meinen nächsten House-Sit gerne in London machen würde. Also meldete ich mich auf einer Housecarer-Website an, die speziell auf Großbritannien ausgerichtet ist, und hatte das große Glück, einen House-Sit zu finden, der sich nach dem Gespräch mit der Besitzerin einer Katze und eines Hundes großartig anfühlte – obwohl oder vielleicht gerade weil er nicht in London, sondern in Plymouth war. Da ich die Nähe zur Natur immer mehr zu schätzen gelernt habe und mich darauf freute, lange Spaziergänge mit einem jungen Hund zu machen, der sich freuen würde rauszukommen, klang das fantastisch, umso mehr, als ich mich darauf freute, eine aufregende neue Landschaft zu erkunden.

    Die Tatsache, dass ich innerhalb eines Tages großartige Angebote für meinen Flug nach London, einen viertägigen Zwischenstopp und meine Weiterreise mit dem Bus fand, machte mich sehr hoffnungsvoll, und ich freute mich über meine Wahl. Das bedeutete, dass ich zu einer Josh-Johnson-Show gehen konnte, für die ich mir bereits letztes Jahr Tickets gesichert hatte, und eine liebe Freundin sehen konnte, die seit über 20 Jahren London ihr Zuhause nennt und dort mit ihrer wundervollen Familie lebt. Sie war sogar bereit, mit mir zur Show zu kommen, was mich noch glücklicher machte!

    London – Ein Fest für die Sinne

    Als ich in London ankam, war ich wieder einmal fasziniert von der lebendigen Mischung aus Alt und Neu, dem Trubel auf den Straßen und in öffentlichen Verkehrsmitteln sowie der großen Vielfalt an internationalen Lebensmittelgeschäften, Friseursalons und Bekleidungsgeschäften. Allein in „meinem“ Viertel Newham gab es ghanaische Fast-Food-Läden und Restaurants, einen indischen „Kingfisher’s Fishmonger“, orientalische Süßwarenläden und eine Koranschule – um nur einige „exotische“ Orte zu nennen – obwohl mir durchaus bewusst ist, dass ich das exotische Element auf den Straßen dort war, umso mehr, als die einzigen anderen Weißen, die ich auf der Straße hörte, junge Russischsprecher waren. Kurz gesagt – ich liebte es!

    Was mich am meisten beeindruckte, war die Freundlichkeit der Menschen überall, trotz der schieren Massen von Menschenmengen, die überall unterwegs waren, weil es immer dieses Gefühl von „Ich sehe dich“ gab, sei es in öffentlichen Verkehrsmitteln, als ich einen Zusammenbruch hatte, nachdem ich wiederholt Züge verwechselt hatte, oder beim Gespräch mit einer strahlenden Drogerie-Besitzerin mit Kopftuch, die mir von der Schönheit der psychologischen Hygiene erzählte und durchblicken ließ, dass sie bereits Oma war!

    Meine Unterkunft war suboptimal, insgesamt schäbig, mit fleckigen Teppichböden in den abgenutzten Fluren, mein eigenes Zimmer roch verdächtig süß und am Badezimmerfenster fehlte der Griff zum Schließen des oberen Teils. Aber auch hier machten die Freundlichkeit der Betreiber und ihre Hilfsbereitschaft beim Bereitstellen eines Heizlüfters die Unannehmlichkeiten wieder wett.

    Also genoss ich es sehr, meine Freundin zu treffen, eine Nacht bei ihrer Familie zu verbringen, mit ihr nach Brixton und zur South Bank zu gehen und auch die historischen Brücken zu überqueren, während ich die Atmosphäre dieser Weltstadt auf mich wirken ließ. Sogar die Erschöpfung durch die schieren Entfernungen war irgendwie aufregend.

    Magische Perspektiven

    Wie üblich lief in meinem Kopf ein paralleler Filter ab. Diesmal wurde er von Monica Alis „Brick Lane“ sowie der Harry-Potter-Welt gespeist. Erst kürzlich hatte ich die Dokumentation über J.K. Rowlings Weg zur renommierten Schriftstellerin noch einmal angeschaut und war davon inspiriert, wie ihre Wahrnehmung alltäglicher Details als ikonische Bilder in ihren Büchern gelandet war. Als ich also an einer belebten Bushaltestelle wartete und zusah, wie sich die roten Doppeldecker durch einander schlängelten, konnte ich nicht anders, als mich an den blauen magischen Nachtbus zu erinnern, der sich auf die Breite eines winzigen Spaltes zwischen zwei normalen Bussen schrumpfen konnte, und ich fragte mich, ob sie ihre Inspiration aus demselben Szenario gezogen hatte.

    Ankunft in der Realität

    Meine Busfahrt nach Plymouth hingegen war frei von jeglicher überirdischer Magie, jedoch äußerst komfortabel und angenehm.

    An der Bushaltestelle holte mich meine „Gastgeberin“ wie versprochen ab und schien hilfsbereit, aber es wurde bald klar, dass sie nur sehr wenige ihrer Versprechen einhielt. Andererseits waren ihre Erwartungen ziemlich hoch, wobei die problematischste war, dass ich die ganze Zeit bei dem dreijährigen Hund bleiben und nicht einmal zum Einkaufen das Haus verlassen sollte; ein Detail, das ich in unserem ersten Gespräch vielleicht nicht mitbekommen habe. Meine Auszeiten sind demnach auf zweimal drei Stunden pro Woche beschränkt, wenn die Hundesitterin ihn nimmt. Die Hausbesitzerin traf keine Vorkehrungen, damit ich zumindest vor ihrer Abreise einmal einkaufen gehen konnte, da es noch 5 Tage bis zum nächsten Hundesitter-Besuch waren, also musste ich darauf bestehen, sonst wäre ich ohne Essen dagestanden. Zugegebenermaßen ließ sie viele Reste da, die sie selbst nicht mehr hatte verwerten können und die glücklicherweise auch meinen Vorlieben entsprachen, aber die mangelnde Sorge um mein Wohlbefinden stieß mir sehr auf. Diese zeigte sich auch in den Temperaturvorgaben im Haus, die für mich unsäglich sind: 14 Grad in der Nacht, 16 Grad tagsüber und 18 Grad „während einer besonders kalten Phase“. Ich hatte sie vorab gewarnt, dass ich eine gewisse Wärme brauchte, um nicht krank zu werden.

    Wenn der Körper spricht

    Auf jeden Fall wurde ich in der Nacht krank, nachdem sie gegangen war, schwankte zwischen Verzweiflung und Hoffnung, ich habe viel geweint, versucht mich auszuruhen, drehte im Kopf fast durch, weil ich nur mit den Tieren sprach, so süß sie auch sind, und musste mich und meinen Körper buchstäblich zu den Spaziergängen zwingen, die dieser aktive junge Hund dringend braucht. Umso mehr, als Ausruhen nicht wirklich eine Option ist, wenn man einen erwartungsvollen Hund im Hintergrund hat, der auf die kleinste Bewegung oder Atemveränderung reagiert in der Hoffnung, wieder unterhalten zu werden.

    Das ist wohlgemerkt nicht seine Schuld – sie hat ihn wie ein Baby behandelt und nennt seine Reaktionen FOMO, aber ehrlich gesagt hat sie ihm einfach nicht beigebracht, selbstständiger zu sein.

    Zum Glück werde ich morgen mit der Hundesitterin sprechen können, denn im Haus zu sitzen, mit Ausnahme der Gassigänge, die nicht gerade Komfort vermitteln, wenn man friert und einem beim Aufsammeln des ,Gackerl’ der Kopf dröhnt, ist keine Option. Nicht für einen ganzen Monat!

    Ich bin bereit, nach einem Ersatz zu suchen, wenn es keine Verbesserung dieser unhaltbaren Situation gibt.

    Drei Körper, drei Leben

    Was mir half, zu dieser Haltung zu gelangen, war die Erkenntnis, dass ich mich nicht nur um zwei kleine Körper kümmere – den des Hundes und den der Katze, sondern auch um meinen eigenen. Ganz zu schweigen von meinem geistigen Zustand und meiner Produktivität unter diesen Umständen.

    Also bin ich offen für alles, was meinen Aufenthalt hier weniger einer Haftstrafe in einem süßen Zuhause ähneln lässt, und bereit zu lernen, auch dem Hundchen Grenzen zu setzen.

    Darüber hinaus kann ich diese Situation als Einladung betrachten, meine eigenen Grenzen neu auszuloten.

    Das Muster erkennen

    Denn was mir auffiel, ist ein Muster, bei dem ich zunächst versuche, alle ausgesprochenen und unausgesprochenen Erwartungen der anderen Partei zu erfüllen. Wenn diese Bereitschaft, mein Bestes zu geben, dann nicht auf Wertschätzung trifft oder, schlimmer noch, ausgenutzt wird, kommt langsam Groll hoch. Zunächst versuche ich noch, mir das auszureden, meine eigenen Wahrnehmungen anzuzweifeln, Fehler bei dem zu suchen, wie ich mich fühle, und glaube, ich habe sicher etwas missverstanden. Je mehr ich das jedoch tue, desto detaillierter wird meine innere Tirade, und meine innere Suchmaschine ist auf alle Inkonsistenzen und Muster im Verhalten der anderen Person eingestellt.

    Und meistens kommt der notwendige Impuls, wieder auf mich selbst aufzupassen, von außen, nachdem ich mit Freunden oder Außenstehenden gesprochen habe, die eine ausgewogenere Sicht bieten.

    Wie in diesem Fall – ein Gespräch mit einer freundlichen Nachbarin, die meine missliche Lage, praktisch eingesperrt zu sein, völlig verstand, und eine WhatsApp-Unterhaltung mit einer anderen Freundin (deren Hund ich eine Woche lang ohne die oben genannten Probleme betreut hatte!), die einfach feststellte, dass unser kleiner Freund hier ziemlich verwöhnt ist, rückte alles in die richtige Perspektive.

    Der Weg nach vorne

    Ich bin körperlich immer noch nicht gesund, aber es geht mir besser, und meine Situation fühlt sich immer noch verzweifelt an, aber zumindest habe ich jetzt eine Richtung – nämlich maximalen Komfort für alle DREI Körper (und Seelen) zu gewährleisten, die derzeit in diesem Haus leben.

    Hätte ich mir gewünscht, dass es anders wäre? Ganz sicher.

    Bin ich in der Lage, das Gute in dieser Situation jetzt zu sehen? Zunehmend.

    Wirklich, welche neue Klarheit und welche Grenzen kann ich jetzt lernen, auszustrahlen und zu leben, damit mein Körper nicht erst krank werden muss, um mir das Ungleichgewicht aufzuzeigen?

    Meine Frage an dich:

    Hast du dich auch schon einmal in einer Situation wiedergefunden, die ganz anders war als sie sein sollte, und dich festgefahren gefühlt?

    Wie hast du reagiert?

    Hast du der anderen Partei die Schuld gegeben, die ihr Wort nicht gehalten hat?

    Hast du innerlich geschimpft und still gelitten?

    Hast du dich selbstbewusst geäußert?

    Und – am wichtigsten – welche Rolle spielte dein Körper in dem ganzen Prozess?

    Ich bin ehrlich neugierig, von dir zu hören.

    Was wäre, wenn wir unseren eigenen Körper und unser Wohlbefinden nie außer Acht lassen würden?

  • Ohne Worte…

    … da vorübergehend ohne Computer – die nächsten Posts kommen bald!

    Dafür jedoch mit Bildern der Skulpturen, die ich bei meinem House-Sit in der Dordogne genießen durfte.

    Der Bildhauer ist der Herr des Hauses Henk!

    EXPOSITIONS | artbirdschoen.simplesite.com https://share.google/y17ISo2TS2wHEzMzL

  • Auf meiner Reise durch die Welt komme ich innerlich an

    Morgendliche Gedanken aus der Dordogne

    Es ist halb zehn und draußen minus sechs Grad, wie von meiner App versprochen.

    Ich habe die Katzen gefüttert und sie chillen nun auf dem Boden im Raum verteilt – der große Muphasa mit dem Teddypelz auf dem Teppich und die zierliche Ushi mit fedrigfeinem Fell auf den warmen Fliesen.

    Die Stille ist vollkommen – abgesehen vom Ticken der traditionellen holländischen Uhr an der Wand, die in ihrer Form einer Kuckucksuhr nicht unähnlich ist, aber glücklicherweise viel leiser, und kunstvoller gestaltet.

    Selbst der innere Dialog, der aus dem Reich der Träume in meinen morgendlichen Dämmerzustand übergeschwappt war, ebbt langsam ab.

    Was bleibt, ist die Dankbarkeit für diesen strahlend sonnigen Tag, dafür, dass ich hinausgehen und Bilder vom Frost auf Kies, Blättern und Gras machen kann, in dem Wissen, dass ich in ein gemütliches Zuhause zurückkehren und einfach genießen kann, wo und wer ich gerade bin.

    Zwei Jahre lang hatte ich den Traum vom Reisen genährt, ihn aber fast aufgegeben, da der Berg der Besitztümer meiner Familie, den ich Schicht für Schicht durcharbeiten musste, unendlich erschien und ich so geschwächt war, dass ich ein halbes Jahr lang eine Nasennebenhöhlenentzündung nach der anderen durchmachte. Als das Finanzamt an meine Tür klopfte und dem Haus meiner Eltern einen absolut unverhältnismäßigen Wert zuschrieb, von dem aus die Erbschaftssteuer berechnet werden sollte, war ich gezwungen, es zu verkaufen – was sich als das Beste herausstellte, was ich je getan habe.

    Nun erlaube ich mir endlich wieder die Freiheit zu reisen, derzeit als Haussitterin. Dies ermöglicht es mir, verschiedene Orte Kennenzulernen und dabei tiefer in die Kultur einzutauchen, als ich dies als bloße Touristin könnte, während die Miete gedeckt ist, da ich kostenlos wohnen kann im Austausch dafür, dass ich mich um die Haustiere und Pflanzen im Haus kümmere (und gelegentlich um den Garten). Außerdem bekomme ich ein Gefühl dafür, wo und wie ich leben möchte, indem ich verschiedene Länder und Häuser erlebe. Gleichzeitig bin ich frei in meiner Arbeit, da ich nur WLAN brauche, um meine Unterrichtsstunden und Sessions zu geben und an meinen Texten zu arbeiten. Ich liebe es, meinen Zeitplan an die Bedürfnisse meiner süßen Schützlinge anpassen zu können.

    Ich habe an vielen Orten der Welt gelebt und gearbeitet, unter anderem in Moskau, aber der Verkauf des Hauses meiner Eltern gibt mir die finanzielle Freiheit, vorübergehend nur die Jobs anzunehmen, die mir gefallen, und wirklich neue Wege zu erkunden.

    Es hat eine ganze Weile gedauert, bis ich an diesen Punkt gelangt bin, denn über ein Jahrzehnt lang hatte ich in einem Zeitkorsett gearbeitet, das in den meisten Wochen nicht einmal einen halben freien Tag zuließ – und mit Woche meine ich 7 Tage – da die arbeitsintensivsten Zeiten Wochenenden und Nächte waren. In gewisser Weise gedieh ich und war überrascht und stolz, dass ich es schaffen konnte, doch jeden freien Moment zu nutzen – selbst beim Reisen, beim Friseur oder in meinen Pausen zwischen den Unterrichtsstunden – um zu übersetzen (was fast zu einem Freizeitsport wurde…) hatte mich von normalen Interaktionen mit Menschen entfremdet.

    Jedes Gespräch musste einen Zweck haben, da es entweder dem Austausch arbeitsbezogener Informationen diente oder die Form einer Session hatte… und obwohl diese Sessions zugegebenermaßen auch Raum ließen, einfach Dampf abzulassen und die eigenen emotionalen Bedürfnisse erfüllt zu bekommen, war der Rahmen immer ergebnisorientiert und kaum jemals spontan. Telefonate mit Freunden und Familie mussten akribisch geplant und in meinen übervollen Zeitplan eingepasst werden, und meistens fühlten sie sich wie ein weiterer Termin an, für den ich Energie aufbringen musste, anstatt einfach auszuruhen.

    Nun würde ich lügen, wenn ich sagte, dass mir das nicht gefallen hätte.

    Mit meiner eher introvertierten Natur war ich glücklich mit diesem Arrangement, das „sachliche“ Interaktionen ermöglichte, die „einem bestimmten Zweck dienten“. Doch mit der Zeit wuchs das nagende Gefühl, dass der Zweck nicht erreicht wurde – der vermeintlich darin bestand, sich von einschränkenden Überzeugungen zu befreien und sein Leben so zu gestalten, als ob keine Beziehungen, nicht einmal die zu Freunden und Familie, wirklich von Bedeutung wären. Dies wurde mir während der 6 Jahre schmerzlich klar, in denen ich erst meinen Vater, dann meine Mutter und schließlich meine Schwester in ihren letzten Monaten und Wochen begleitete.

    Einerseits ermöglichte mir meine Selbstständigkeit, für sie da zu sein, wie ich es nicht hätte sein können, wenn ich einen „regulären“ Job und eine Familie gehabt hätte. Abgesehen davon half mir auch eine gewisse Distanziertheit, die aus dieser „session-orientierten“ Denkweise resultierte, während des gesamten Pflegeprozesses stärker zu sein. Andererseits hatte die Tatsache, dass, brutal ausgedrückt, meine Familie sterben musste, damit ich mich entschied, vollständig für sie da zu sein, einen bittersüßen Beigeschmack.

    Nun, da sie alle für immer gegangen sind, und nachdem ich mir die Zeit genommen habe, sie zu verabschieden, indem ich jedes Stück, das ihnen gehörte, in meine Hände nahm und ihm Lebewohl sagte, hat sich dieser neue Raum geöffnet, in dem ich meinen eigenen Weg wählen kann – zum ersten Mal wirklich unbelastet – wo, wie und mit wem ich leben möchte.

    Der ganze Prozess hat mir gezeigt, dass ich aus dem session-geprägten Lebensstil herausgewachsen bin. Derzeit empfinde ich sogar eine leichte Abneigung gegen das Konzept, dass eine Person in der Seele und emotionalen Landschaft einer anderen Person herumstochert, besonders wenn sie nicht darum gebeten wurde. Ironischerweise suchen mich jetzt Menschen organisch für Sessions auf – und genau da möchte ich die Sessions von nun an belassen: an einem klar vereinbarten Ort und Zeitraum.

    Dieser Prozess zeigte mir auch, dass nicht alle Freundschaften, die ich früher hatte, der Zeit standgehalten haben. Offenbar waren einige von ihnen nur vorübergehende Bündnisse, die aus meiner Hauptbeschäftigung in dieser Zeit entstanden waren. Ich bin dankbar dafür, und noch dankbarer dafür, gelernt zu haben, einfach ich selbst zu sein – in jedem Moment anders – ohne das unausgesprochene Gebot, mich ständig verbessern zu müssen. Ich genieße, wie ich von Menschen aufgenommen werde, besonders hier in dieser besonderen Enklave aufgeschlossener Menschen aus aller Welt.

    Natürlich treffen meine derzeitigen Lebensentscheidungen manchmal auf Schlussfolgerungen, die aus mangelndem Verständnis dafür resultieren, wie digitale Nomaden leben (und Geld verdienen! :-)), aber alles in allem zählt und bleibt bei den Menschen die Energie, die wir ausstrahlen. So schließe ich unterwegs neue Freundschaften, und vor allem schließe ich Freundschaft mit mir selbst, mit meinem Körper, mit meinen Bedürfnissen in Bezug auf alle Lebensbereiche.

    Das ist ein unermessliches Geschenk.

    Etwas, wovon ich mein ganzes Leben lang geträumt habe – allein und mit Menschen sein zu können, ohne Unbehagen oder ständige Selbstzweifel.

    So teile ich nun mit Dir, lieber Leser, den Frieden von meinem derzeitigen Wohnsitz – innen und außen – immer noch mit der tickenden Uhr im Hintergrund, nur die Katzen sind längst hinaus in die Sonne gegangen, um diesen wundervollen Tag zu erkunden.

  • Auf meinem Hirn läuft ein anderes Betriebssystem

    Gestern beim Putzen hörte ich mir mal wieder einen Kurzbeitrag über ADHS an und fühlte mich dieses Mal direkt angesprochen. Es war, als hätten die Verfasser meine Fragen der letzten Tage gehört und gezielt beantwortet.

    Ich möchte vorwegschicken, dass ich der inflationären Verwendung und Zuschreibung von Diagnosen – wie im übrigen auch der des Narzissmus, in dem Fall natürlich auf andere projiziert – in letzter Zeit immer skeptischer gegenüber stehe. Es ist, als bediente sich jeder einfach dieser Begriffe, um zu belegen, warum es ihm schwer fällt, Ordnung zu halten, sich zu konzentrieren oder Termine einzuhalten. Rein statistisch gesehen erscheint es mir unwahrscheinlich, dass so viele Menschen „ADHD haben“ – wenn natürlich auch das Gewahrsein dafür die Zahl der „Diagnostizierten“ scheinbar plötzlich ansteigen lässt. Doch wenn ich mir Beiträge mit Menschen anschaue, die wirklich ADHD oder Autismus –unkorrekterweise oft synonym verwendet – „haben“, muss ich zugeben, dass sie wirklich anders funktionieren. Ihnen ihre Einzigartigkeit und ja, auch ihren Kampf in einer Gesellschaft, in der dies noch nicht als Teil der Norm gilt, abzusprechen, indem man es selbst als bequem empfindet, bestimmte Eigenheiten einem amorphen Komplex an „Symptomen“ zuzuschreiben, finde ich unangemessen und sogar unfair.

    Dies vorweggenommen, erlebte ich dennoch genau bei diesem Beitrag eben nicht nur ein abstraktes Wiedererkennen schon oft gehörter Informationen, sondern ich fühlte mich direkt angesprochen.

    Noch Tage zuvor hatte ich in einer niedergeschlagenen Stimmung einmal alles aufgeschrieben, was „mein innerer Nörgler“ so von sich gibt (eine Übung übrigens, die sehr gut tun kann, aber dazu ein andermal), stachen diesmal besonders Begriffe heraus wie „asozial“, „ungesellig“, „wenig mit anderen Menschen vernetzt“.

    Während ich inzwischen bereits anerkannt habe, dass sich meine Art der Verbindung vielleicht nicht immer im physischen Zusammensein zeigt, fragte ich mich doch zum wiederholten Male, warum es mir so angenehm ist, viel Zeit „alleine“ zu verbringen – einmal ganz abgesehen davon, dass ich in dieser Zeit ja gar nicht alleine bin! Vielmehr denke ich an die anderen und spiele vieles durch im Versuch, die Energie dahinter zu erkennen und ihr auf den Grund zu gehen.

    Die Dynamik in großen Gruppen hingegen macht mich schnell müde, denn selbst wenn ich die Menschen einzeln sehr mag, ertrage ich ihr Verhalten in großen Settings oft nur schwer. Und das meine ich eher im Sinne von perplex und überrascht als „wie können sie nur?“.

    Der Beitrag nun erklärte, das Hirn eines Menschen mit ADHD funktioniere anders als das anderer Menschen im Durchschnitt: Schüttet deren Hirn Dopamin aus, wenn sie in großen Gruppen sind – also fühlen sie sich pudelwohl, energetisiert und beschwingt, geschieht beim ADHD-Hirn genau das Gegenteil: Es schüttet weniger Dopamin aus und ist zugleich einer Reizüberflutung ausgesetzt, weil seine äußerst feinen Fühler die vielfältigen Gemütslagen ALLER wie eine riesige unvereinbare Wetterlage über sich hereinbrechen sehen. Nichts ergibt Sinn, besonders die Masken, die in solchen Settings zwangsläufig herausgeholt werden. So ermüdet der Geist schnell, und man fragt sich, warum man so schlecht bei dem Gesellschaftsspiel ist, so „ungesellig“.

    Ich fühlte mich so bestätigt!

    Große Menschenmengen können mir Freude machen, jedoch in der Regel auf die Entfernung.  In Büchern, Filmen oder auf der Durchreise finde ich es toll, viele Menschen zusammenkommen zu sehen, für mich selbst genieße ich jedoch viel mehr die Momente kurz vor Ladenöffnung oder -schluss, die Nachtschichten, wenn fast niemand da ist, Situationen, in denen wenige Menschen für große Menschenmengen gedachte Einrichtungen nutzen und jeder (meinem Empfinden nach) ganz er selbst sein kann. Das Eintauchen in große Mengen gefällt mir unter der Voraussetzung, dass alle zumindest vorübergehend ein gemeinsames Ziel haben – wie bei einem Kurs, in einem Chor, am Flughafen oder Bahnhof, oder in einer Ausnahmesituation.

    Spannenderweise fällt es mir relativ leicht, vor einer großen Gruppe von Menschen zu sprechen – je größer, sprich anonymer, desto besser – dies schreibe ich jedoch dem Umstand zu, dass ich dann praktisch eine sanktionierte Aufgabe habe und zielgerichtet handeln kann.

    Small Talk um des Small Talks hingegen verwirrt mich bis heute.

    Wie können wir so tun, als sähen wir nicht weiter als bis hinter die zweite oder dritte Maske?

    Und ich gestehe zu, dass ich möglicherweise die Regeln nie verstanden habe – noch einmal: nicht aus Weigerung, sondern aus Unvermögen.

    Dies ist es auch, was ich daran liebe, in verschiedene Länder zu reisen – zu sehen, wie man in verschiedenen Gesellschaften mit Nähe und dem Sehen des Gegenübers umgeht.

    Am meisten „zu Hause“ habe ich mich bisher in Russland und mit Menschen gefühlt, die aus dem „russländischen“ Einzugsbereich kommen, wo es weniger unausgesprochene Gesetze gibt – oder vielleicht sind mir die bestehenden Gesetze intuitiv einfach vertrauter? In jedem Fall ist der Umgang generell direkter und weniger von Codes bestimmt. Für jemanden wie mich, der Dinge sehr buchstäblich nimmt, weil ich selbst versuche, möglichst ehrlich zu sein, ist das sehr erholsam – die Rätselraterei fällt weg.

    Dieser direkte Umgang scheint im Gegenzug die Fähigkeit der Menschen, hinter die Masken zu sehen, zu stimulieren. Mich hat die Aussage eines ehemaligen russischen Liebhabers, der unter seinen Kollegen laut und jovial auftrat, über meine zeitweise komplizierten emotionalen Manöver verblüfft: das sind Kleinigkeiten, das ist nur der Charakter. Ähnlich äußerte sich eine georgische Freundin über einen gemeinsamen bekannten (äußert charmanten) Filou, indem sie meinte, er sei unzuverlässig und bisweilen ein Miststück, aber er habe ein Herz aus Gold.

    Und beide Äußerungen erfolgten ohne die geringste Ladung, eher so, als stelle man fest, jemand habe braune Augen und möge Eis.

    Derart differenzierte Wahrnehmungen von Menschen hatte ich bis dato nur in Büchern angetroffen, die Menschen in ihrer Gesamtheit beschreiben.

    Vielleicht ist das meine große Sehnsucht – lockere Unterhaltungen über das führen zu können, was ich für wesentlich erachte: was jeden einzelnen von uns wirklich ausmacht und gerade bewegt.

    Hier bin ich unendlich dankbar für meine wunderbaren Freunde, mit denen ich solche Gespräche führen kann!

    Doch alles zu seiner Zeit, in dem Rhythmus an Nähe und Ferne, der mir gut tut. 🙂

    Spannend, oder? Ich habe nun noch immer nicht geklärt, ob auf mich das Label ADHD zutrifft, oder in welchem Ausmaß. Doch darum geht es hier auch nicht, oder eben darum, dass es nicht ums Labeln geht.

    Am Ende zählt, dass wir alle in unserer Gesamtheit und unserer Einzigartigkeit gesehen werden – und sich wiederzuerkennen wie ich in diesem Beitrag, tut oft gut.

    Doch schlussendlich kommt es immer darauf an, wie wir mit uns selbst umgehen.

    Solange ich also immer freundlicher auf meine Bedürfnisse höre und sie nicht als anormal abtue, sondern als eben meine besondere Art der Verarbeitung von Reizen sehe, die sich verschiedentlich äußern kann, kann ich sie einfach stehen lassen.

    Ich muss sie weder als gut oder schlecht, angemessen oder unangemessen, noch als gewöhnlich oder besonders einstufen, sie sind einfach.

    Wie steht es bei Dir?

    • Welche Art von Nähe ist Dir wichtig, wieviel davon und mit wem?
    • Wie viel Zeit magst Du dazwischen zum „Verdauen“ der Eindrücke habe, zum Sortieren?
    • Wenn wir uns keine hochtrabenden Labels verleihen müssten, um unsere Andersartigkeit zu rechtfertigen, wie freundlich könnten wir dann einfach das wählen, was uns persönlich im jeweiligen Moment taugt?
    • Was, wenn ALLE Varianten cool sind, einfach, weil es sie gibt?
  • Was für ein Geschenk, jemandem zu begegnen, der ein wahrhaft glückliches Leben geführt hat!

    Ein Mann, der seine Frau über alles liebte, glücklich in und mit seiner Arbeit war und gemeinsam mit seiner Geliebten das Leben in vollen Zügen genoss!

    Was ich aus meinen wenigen, aber umso erhellenderen Gesprächen mit diesem bemerkenswerten Mann lernen durfte, sind nicht nur die Stationen seines Lebens – die mich durch ihre Leichtigkeit verblüfften und wie eines zum anderen führte –, sondern das durchdringende Gefühl von Frieden, Dankbarkeit und Wohlwollen, das er ausstrahlt.

    Es ist, als sei sein Universum so reich und erfüllt, dass darin kein Raum für Kleinlichkeit oder Misstrauen ist, und er wirkt weder hilflos noch bedürftig, obwohl seine Situation durchaus etwas Unterstützung von außen verlangt.

    Ich wurde Doug von Liz vorgestellt, die ihn jede Woche besucht, seit seine geliebte Frau vor erst zwei Monaten verstarb. Da ihre Kinder in Großbritannien leben und er in dem Haus bleibt, das das Ehepaar über 20 Jahre lang in der Dordogne geteilt hat, gibt es nur wenige Menschen, die persönlich nach ihm sehen können.

    Doch als ich ihn zum ersten Mal traf, wirkte er durchaus zufrieden und heiter. Liz‘ wöchentliche Besuche während ihrer Abwesenheit zu „übernehmen“ – und nach anfänglicher Befürchtung, ob wir genug Gesprächsstoff haben würden, und ob er mich gut verstehen könnte, da er ein Hörgerät braucht – muss ich sagen, dass es ein Privileg ist, ihn zu besuchen und mit ihm zu sprechen. Wo mein Vater, der im Alter ebenfalls schwerhörig wurde, wegen mir und der Situation frustriert war, hat Doug die Geduld, Kommunikation mühelos geschehen zu lassen. Und wie üblich, wenn man mit jemandem mit einer völlig anderen Vorgeschichte spricht, brachten mich unsere Gespräche dazu, einige meiner Grundüberzeugungen zu hinterfragen, die ich einfach von meiner Familie übernommen hatte.

    Mein Vater hatte nämlich als Kind ebenfalls den Krieg erlebt, und als seine Armut sein Medizinstudium vorzeitig beendete, wurde er Soldat – mit der ausdrücklichen Absicht, Schaden abzuwenden, damit es keine weiteren militärischen Konflikte geben würde. Heute war ich erstaunt, von Doug über drei laufende Kriege während der Zeit seiner Wehrpflicht zu erfahren – Malaysia, Korea und Kenia –, in die sein Land verwickelt war, denen er aber glücklicherweise nicht beitreten musste, während mein Vater, solange er lebte, nie auch nur in die Nähe einer Kampfsituation kam, obwohl er Berufssoldat war.

    Vielleicht muss ich hier erwähnen, dass Doug und mein Vater nur drei Jahre auseinander sind. Wo Doug total gegen das Militär war – obwohl er seine zwei Dienstjahre als Chance sah, seinen Horizont zu erweitern –, war mein Vater dafür, aber als Mittel zum Zweck: Frieden – ein Gleichgewicht der Kräfte, das eine Entwicklung wie die der 1930er Jahre ausschließen würde.

    Wäre es nach meinem Vater gegangen, wäre er Arzt geworden, nicht unähnlich Doug, der Tierarzt wurde, und beide teilen eine Liebe zur Geschichte und eine wohlwollende Haltung gegenüber Menschen – aber hier enden die Ähnlichkeiten. Ich möchte jedoch nicht, dass mein kleiner Text zu einem Vergleich mit meinem geliebten Vater wird, sondern lediglich ein staunendes Zeugnis bleibt.

    Doug genoss es, viele Menschen zu kennen, und unterhielt die Gäste am Esstisch, selbst wenn er spät von der Arbeit nach Hause kam, weil er eine späte Operation übernommen hatte. Er und seine Frau reisten gerne und packten freitagabends ihr Auto, um mehrere Stunden hinunter zur Küste zu fahren, um das Wochenende mit guten Freunden zu verbringen, nur um sonntags nachts die Rückreise anzutreten. Als ihnen ein Herrenhaus zufiel, überlegten sie, wie sie es am besten nutzen könnten, und luden Bridge- und Kunstlehrer ein, kostenlose Kurse für alle Interessierten anzubieten. Die Gäste blieben tagelang und wurden von Pam bewirtet, die das Kochen von ihrem Mann gelernt hatte.

    Nach seiner Pensionierung erfüllten sie sich einen lebenslangen Traum und zogen nach Montcaret, das sie bis dahin nur in den Ferien besucht hatten. Da Pam sehr gut Französisch sprach, war das naheliegend, und sie genossen ihr Leben wirklich und gründlich. Doug, etwas weniger versiert im Französischen, trat dennoch einem lokalen Bridge-Club bei, wo der polnische Lehrer von den Teilnehmern verlangte, zwischen den Treffen zu Hause zu üben. So kam die Gruppe jedes Mal in einem anderen Haus zusammen, und zu Dougs Belustigung nannten sie ihn „den Professor“. Anscheinend hatte er ein Händchen dafür.

    Pam und er gingen auf Kreuzfahrten und sahen alle möglichen Orte, und später, als sie schon alle Ausflüge kannten, hatten sie das Deck für sich und nippten gemütlich an ihren Drinks.

    Sie hielten sich gegenseitig fit, indem sie täglich Kreuzworträtsel-Duelle austrugen, und scheuten sich nicht, einander zu korrigieren, aber nie im Geist des Wettbewerbs, sondern immer liebevoll.

    Kein Wunder also, dass ich ihn bei bester Laune antreffe, was es zu einem Vergnügen macht, Zeit mit ihm zu verbringen und über alle möglichen Dinge zu sprechen. Ich freue mich auf weitere Gespräche und darauf, mein erstes Weihnachts-Lunch – am 25. Dezember – mit Doug zu teilen!

  • Dordogne – Ankunft und Eingewöhnung

    Nach einer köstlich langsamen Anreise, die es mir ermöglichte, alle vorab ausgewählten Stationen auf dem Weg zu genießen, ohne in Stress zu geraten, kam ich am ersten Dezember um Punkt 17 Uhr bei meinem ersten offiziellen House-Sit für zwei Schnurrhaarträger an. Meine Gastgeberin Liz legte dies als deutsche Pünktlichkeit aus, lach, doch ehrlicherweise hatte ich einfach nur einen extra großen Zeitpuffer eingeplant.

    Der Empfang war herzlich und überwältigend, und genau so verlief auch die Zeit bis zur Abreise von Liz und ihrem Mann Henk drei Tage später – von früh bis spät gab es spannende Einweisungen, viele neue Gesichter und unendlich viele neue Eindrücke.

    Liz und ihr Ehemann Henk haben in der malerischen Dordogne ein wunderbares kleines „Dorf im Dorf“ mit fachmännisch ausgestatteten Häusern errichtet – es nennt sich VIN-T-AGE und ist für Leute ab 55 gedacht, die gerne unabhängig leben und doch eine lockere Gemeinschaft genießen möchten. In den geschmackvoll und nach neuestem Stand gestalteten und ausgebauten Häusern leben interessante Menschen aus aller Welt.

    Dieser Umstand sowie die vielen Außenskulpturen von Henk im weitläufigen Garten machen diesen Ort ganz besonders, der sich harmonisch in das 1200 Seelen große Montcaret einfügt.

    Henk arbeitet ständig fachmännisch an den neu hinzugekommenen Häusern, hält Gartenanlage und Pool in Schuss, und ist mit seinen absolut unglaublichen 75 Jahren so schnell unterwegs, dass ich kaum Schritt halten konnte, als er mich einmal zur Mairie mitnahm. Auch bei der Gartenarbeit, bei der ich mich anbot zu helfen, legte er ein solches Tempo vor, dass ich mir fast alt vorkam. 🙂

    Liz ist die meisterhafte Organisatorin, bei der alle Fäden zusammenlaufen und die gefühlt alle im Landkreis kennt. Ohne viel Aufhebens kümmert sie sich tatkräftig um andere Menschen, bringt sie zusammen, führt das gesamte Projekt und schmeißt nebenher noch den Haushalt. Damit nicht genug, geht sie mehrfach in der Woche zum Sport und zum Tanzen – und kümmert sich um immer neue Katzen, die bei ihr Zuflucht suchen.

    Nun sind die beiden länger verreist, sodass Ushi und Muphasa sowie Haus und Garten für 5 Wochen jemanden brauchen, der sich kümmert. Dankbarerweise fiel diese Aufgabe – vermittelt über eine Online-Plattform – mir zu!

    Anfangs gab es ein wenig Drama, denn Muphasa, der wilde Kater, floh zumeist vor mir und machte sich dann ganz rar, was mir wirklichen Kummer bereitete. Doch Liz erklärte mir, er sei das Gewusel im Haus mit so vielen Leuten auf einmal nicht gewohnt und würde sich entspannen, sobald sie abgereist seien.

    Dennoch ließ mich der Zweifel nicht los, er könne vielleicht irgendetwas an mir partout nicht ausstehen. Im Gegensatz dazu war mir die süße kleine schielende Ushi von Anfang an offen und verschmust und kuschelte ihr Köpfchen in meine Armbeuge.

    Gott sei Dank bewahrheitete sich Liz’s Vorhersage – sobald ich alleine mit den beiden war, taute auch Muphasa zusehends auf, und inzwischen darf ich auch ihn ausgiebig kraulen, und seine Entspannung, wenn er wie ein Plüschtier auf dem Teppich liegt und mit zuckenden Pfoten träumt, spricht Bände.

    Nach einer intensiven Eingewöhnungsphase habe auch ich meinen Rhythmus gefunden. Schon letztes Wochenende war ich so entspannt, dass ich das örtliche Museum besuchte… Ja, es ist kaum zu glauben, doch in unter 5 Minuten Gehzeit findet sich eine gallo-romanische Kirche und Überreste eines Friedhofs, die wiederum auf einer ausladenden römischen Villa mit Thermen und Kaltbecken errichtet worden waren. Heute bietet der Ort eine faszinierende Mischung von Ausgrabungen aus weit auseinanderliegenden Epochen – dies wird definitiv nicht mein letzter Besuch bleiben!

    So steckt dieser kleine Ort voller Überraschungen, und ich freue mich schon ungemein auf meinen ersten Ausflug nach Bordeaux, das nur 50 Minuten mit dem Zug entfernt ist!

    Bisher bestimmen Garten- und Poolpflege, meine Online-Sessions, ausgedehnte Spaziergänge und erste Kontakte mit den netten Leuten hier meinen Alltag – doch die Krönung ist und bleibt das Füttern und Streicheln der beiden Vierbeiner.

    Ich bin gespannt, was die Zeit hier noch bringen wird!

  • Endlich frei… in Freiburg!

    Hier lernten meine Eltern sich kennen – er aus Recklinghausen und Medizinstudent, sie aus Nürnberg und Studentin der Anglistik und Germanistik.

    Bei einem fakultätsübergreifenden Ball trafen sie sich, zwei hochsensible und lebenshungrige junge Menschen mit einer schwierigen Vorgeschichte, und verliebten sich Hals über Kopf.

    Endlich war da jemand, der Leid, Tiefe und Lebenslust in derselben Intensität teilte, wie sie selbst.

    Die Freiheit, die sie hier von ihrem bisherigen Leben erlebten, muss berauschend gewesen sein.

    Die freundliche und weite Landschaft mit Auen, Wäldern, Wasser und Bergen, fast ganz im Süden Deutschlands, Studentenfeiern und neue Erfahrungen.

    Auf meiner ersten Station Richtung Frankreich bin ich bewusst nach Breisach gefahren, wo meine Eltern offenbar einmal übernachtet haben – dies legt zumindest die alte Hoteladresse nah, die ich in einem ihrer Notizbücher fand. Natürlich werden sie dies nicht als Studenten getan haben, da das Geld nicht dafür dagewesen wäre.

    Doch die Landschaft, die Aussichten, die ich heute trotz der Kälte habe einfangen können, lassen ahnen, wie meine Eltern die besondere Atmosphäre und die schon fast französische Luft hier genossen haben müssen.

    Ich erinnere mich daran, wie sie von ihren Studentenjahren sprachen:

    Meine Mama in einem Zimmer in der Stadt mit (eigentlich) Männerverbot, großen Schüsseln zum Waschen und heimlichen Ausflügen zur Bäckerei – Croissants! – und mein Papa außerhalb von Freiburg zur Untermiete, so arm, dass er teilweise nur Brot und Senf zu essen hatte – und doch die Freiheit genoss, mit dem Rad in die Stadt zu fahren, auch wenn ihm einmal vor Kälte auch fast die Wimpern zufroren.

    Die wenigen Bilder aus dieser Zeit zeigen sie ausgelassen bei Feiern, auch wenn sie wie alle anderen damals erwachsener aussahen als spätere Generationen.

    Als meine Mutter als Au Pair nach Paris ging, folgte ihr mein Papa und heuerte in einer Werkstatt an. Als er bei einem französischen Wagen unwissentlich das Benzin in die falsche Öffnung füllte, wurde er fast gefeuert. Und die Gastfamilie meiner Mutter war so sehr auf eine schlanke Linie bedacht, dass sogar sie, die sich zeitlebens damit brüstete, sich nichts aus Essen zu machen, später gemeinsam mit ihrem geliebten Freund Baguette, Käse und Wein auf der Parkbank genoss.

    Ihre Erzählungen von den Künstlern an der Seine, von der Zeit der Tanzabende und Jazzkonzerte in Freiburg klangen wirklich wunder-bar, wenn auch nostalgisch, wie eine nie wiederzubringende Zeit.

    Ich bin dankbar, heute wenigstens einen Hauch von dieser Atmosphäre mitgenommen zu haben – und stoße auf die absolute Freiheit meiner Eltern an, zu der sie nun geworden sind!

  • Zwischenstopp in Deutschland

    Lange Zeit war nichts von mir zu hören – dabei hatte ich doch alles ganz anders geplant!

    Nach meinem letzten Beitrag über die Ausnahmesituation, ohne Internet zu sein, erwischte mich eine Erkältung und anschließend Covid, sodass ich die restliche Zeit in Frankreich abgetrennt von der süßen Loulou buchstäblich zitternd in einer anderen Wohnung verbrachte, jeden Tag auf Besserung hoffend.

    Der einzige Lichtblick war meine liebe Freundin, die inzwischen mit den Kindern von ihrer Reise zurückgekehrt war und mir jeden Tag bei ihren Besuchen köstliches Essen und so viel Anteilnahme und menschliche Wärme mitbrachte, dass es mir zumindest moralisch besser ging.

    Alle Kraft, die ich irgendwie erübrigen konnte, bündelte ich, um die wichtigsten Schüler und Klienten zu „versorgen“. Ansonsten war es eine Zeit ungemeiner Schwäche, erbärmlichen Frierens (sogar eine Matratze entzog mir gefühlt zu viel Wärme, sodass ich das Sofa vorzog), des Anstrengungsschwitzens, der nicht enden wollenden Kopfschmerzen und des unruhigen Wartens auf Besserung, da ich nie Fieber bekomme, sondern alle Krankheitsverläufe quälend langsam auf Sparflamme vor sich gehen.

    Das einzige „Highlight“ war ein Besuch beim Arzt, zu dem mich meine Freundin begleitete, um gegebenenfalls zu dolmetschen. Denn obwohl er so schnell wie ein Wasserfall sprach, verstand ich ihn im Großen und Ganzen! Das war eine angenehme Überraschung.

    Und ich brachte auch noch ungewollt eine komische Einlage, als ich seiner Aufforderung „Tirez la langue“ nach körpersprachlicher Rückversicherung bei meiner Freundin buchstäblich folgte, indem ich meine Zunge mit einer Hand festhielt und versuchte, sie „herauszuziehen“… Der Doktor blieb jedoch ganz unbeeindruckt und sprudelte weiter… 

    Sobald es meine Verfassung zuließ, traf ich mich mit meiner Freundin zu Spaziergängen am Meer, und auch meine liebe Loulou sah ich noch einige Male – sie war laut meiner Freundin auch anders nach unserem Abschied. Ihr Mann meinte später, sie sei wohl nicht mehr ganz zufrieden mit ihnen nach dem „Corinna-Spa“… Ach, Loulou!

    Langsam krabbelte ich wieder aus meiner Grube, wenn es auch immer wieder Rückschläge gab. Am Tag meiner Abfahrt sprach mir meine Freundin gut zu, doch noch einmal zu versuchen, eine Kur zu beantragen, was mir einen unglaublichen moralischen Aufschwung gab. So fuhr ich zwar mit kalten Füßen und schwummrigen Kopf los, fühlte mich jedoch dank viel kürzerer Reiseetappen als auf der Hinfahrt und der sich langsam einstellenden Fahrfreude (ein beheizbarer Autositz ist so ein Segen!) mit jedem Tag besser. Entgegen dem von meiner Mutter propagierten Muster, erst loszulegen, wenn man sich 100-prozentig gut fühlt, erschloss ich mir das langsame Vorwärtsgehen auch bei 60 Prozent, Kilometer für Kilometer.

    In Deutschland angekommen bestätigte mir mein Hausarzt, dass ich Corona gehabt hatte, und gab mir auch gleich Mittel gegen alle anderen Infektionen, die meinen Körper noch schwächten. Seither hat sich das intensive Frieren und die Neigung zu Erkältungen fortgesetzt, was die Übernachtungen bei meinen Freunden teilweise trübte. Und doch möchte ich diese Begegnungen nicht missen!

    Am schönsten und wärmsten war es bei den lieben neuen Besitzern des Hauses meiner Eltern – sowohl physisch als auch emotional. Sie meinten, ich sei gar kein Gast, sondern Teil der Familie, also das Familienmitglied, das noch fehlte. So habe ich es auch empfunden – bei ihnen im schön neu hergerichteten Gästezimmer fühlte ich mich so wohlig und zu Hause im ehemaligen Haus meiner Eltern wie noch nie zuvor!

    Beladen mit Köstlichkeiten – auch schon von meiner Freundin zuvor – brach ich wie eine russische Studentin nach einem Besuch bei den Eltern zu meiner nächsten Zwischenstation vor meiner Abreise nach Frankreich auf: Stuttgart!

    Auf unerklärliche Weise fühle ich mich in dieser Stadt immer einen Ticken wohler, lebendiger, attraktiver.

    Diesmal nutzte ich eine gute und günstige Unterkunft, die mir erlaubte, es mir so warm zu machen, wie es mein Körper eben gerade braucht. (Wer weiß, vielleicht möchte er mir ja signalisieren, dass ich nach anderen Gefilden Ausschau halten sollte? ;-)) Und ich traf in meinem Tempo liebe Freunde und auch ehemalige Kollegen meiner Schwester.

    Besonders berührend war es, in der Unibibliothek tatsächlich Bücher von ihr zu finden, die ich an ihrer Signatur im Einschlag oder wenigen handschriftlichen Notizen erkannte. So haben die 1200 Bücher aus ihrem Nachlass in ihrer Heimatuni Eingang in einen würdigen Korpus an Büchern gefunden und stehen nun zahllosen Studenten zur Verfügung – ganz in ihrem Sinne!

    Nun steht bald meine Abfahrt zum ersten „offiziellen“ Housesit in der Dordogne bevor – die Route mit vielen historischen Zwischenstopps steht schon; jetzt bleibt mir nur noch, verschiedentliche Körner und Getreide, die es so nicht in Frankreich gibt, sowie Lebkuchen für meine „Gastgeber“ zu besorgen.

    Ich bin sehr dankbar für diese Zeit, die mich lehrte und lehrt, noch geduldiger mit mir und meinem Körper zu sein. Bei den zahlreichen amtlichen Begegnungen – Hausratversicherung, Führerscheinmeldestelle, Lagerhaus, Polizei, Glasfaserkabelanbieter, Bank, Finanzamt etc. – , gelang es mir immer mehr, alles Schrittchen für Schrittchen anzugehen und nicht in Panik zu geraten.

    Über Jahrzehnte hatte ich immer alle Formalitäten unter extremem Zeitdruck neben nicht enden wollenden Arbeitseinheiten erledigen müssen und war schnell aus der Bahn geworfen, wenn nicht alles sofort „flutschte“. Nun erfahre und lerne ich, dass alles lösbar ist und selbst zunächst schreckeinflößende Behörden wie Finanzamt und Polizei eben auch nur aus Menschen bestehen, mit denen man – welch Überraschung! 😉 – tatsächlich sprechen kann!

    Mir wurde auch klar, dass ich mit dieser Reaktion ein Muster meines Papas imitierte, der bei uns zu Hause bis auf wenige Ausnahmen alles schultern musste und diese Rolle als Kriegskind schon früh verinnerlicht hatte. Daraus ergab sich eine Mischung aus der Überforderung, nicht kindgerechte Aufgaben lösen zu müssen, und dem Frust, immer alles alleine machen zu müssen – ein Cocktail, den ich offenbar energetisch übernommen hatte.

    Kennst Du auch solche „Knotenpunkte“ oder Stolpersteine, wenn sich bei Dir alles zusammenschnürt, Dein Atem flach wird und Du diese eine Sache so schnell wie möglich hinter Dich bringen möchtest?

    Wo der souveräne Erwachsene, der Du normalerweise bist, sich plötzlich verflüchtigt und Du in Verhaltensweisen und Reaktionen verfällst, die eher einem überforderten Kind ähneln?

    Wenn Du was auch immer gerade ansteht, ruhig und aus der Sicht des Erwachsenen, der Du heute bist, betrachtest – ist es wirklich so furchteinflößend, oder könnte ein ruhiges Herantreten an diese Sache vielleicht ganz andere Perspektiven eröffnen?

    Gerade bin ich selbst überrascht, dass mein ursprünglich als kurze Schilderung meines Zwischenstopps in Deutschland geplanter Beitrag diese Wendung nimmt. 🙂

    Doch was wäre, wenn allein diese Erkenntnis aus der krankheitsbedingten Verlangsamung schon eines der Geschenke ist, die ich habe mitnehmen dürfen – abgesehen von der Erkenntnis, dass ich auch weitermachen kann, wenn ich nicht hundertprozentig gesund bin?

    Ich fasse mich in Geduld und „tue“ vielleicht langsamer, lasse mich jedoch nicht mehr aufhalten!

    In diesem Sinne wünsche ich auch Dir vielleicht noch ein wenig mehr Geduld mit Dir selbst – damit, wie Dein Körper reagiert, beim Aufdecken und Loslassen übernommener Muster, beim Erkunden, wie Du HEUTE auf Dinge reagierst und was Dir wirklich guttun würde.

    Als Fragen formuliert:

    • Wie viel Geduld kannst Du heute mit Deinem Körper haben?
    • Wo wiederholst Du energetische Muster Deiner Eltern (und kannst sie einfach loslassen)?
    • Wenn Du keine vorgefertigte Meinung dazu hättest, wie Du wann worauf reagierst –wie geht es Dir JETZT mit ______?
    • Was würde Dir JETZT wirklich guttun?

    Ich wünsche Dir einen wunder-vollen Tag!

  • Wenn der Körper den Weg weist 3

    Empfangen, Licht und Loulou: Ein Tag ohne Internet
    Der Genuss, am Leben zu sein, Teil II

    Ein Tag ohne Internet.

    Nach über 30 Stunden wackliger Verbindung mit unzähligen Versuchen, sie zu richten, nun der Komplettausfall.

    Ganz draußen am Meeresufer gibt es paradoxerweise so viel Netz, dass immerhin die vorbereiteten Nachrichten an meine Schüler rausgehen.

    Eine gute Gelegenheit, um meinen nächsten Blog zu schreiben.

    Über meine herrliche Zeit hier im Süden.

    Über die Sonne, das Licht, die Weite.

    Und nun auch über den Regen, die Strom- und Internetausfälle…

    Am Meer habe ich vorhin dieses Bild aufgenommen – was für ein herrliches Spektakel!

    Und zugleich bemerkt, wie sehr mich die Aussicht entspannt, heute einmal kein Internet zu haben.

    Wie viel tiefer und ruhiger ich atme.

    Wie die innere Tagesstruktur ihre Eisenklaue um mein Hirn auf einmal lockert.

    Auf einmal tut sich so viel Zeit auf!

    Dabei ist das Internet die Welt, die gerade mir als digitaler Nomadin ALLES ermöglicht:

    den Kontakt mit Klienten, Schülern und Freunden,

    die Möglichkeit, auf den verschiedensten Kanälen zu posten,

    die Quelle für Nachrichten aus aller Welt und Unterhaltung.

    Paradoxerweise scheint das einen gewissen Druck aufzubauen, wie mir gerade mein Körper dadurch zeigt, wie es sich anfühlt, wenn das Internet zumindest vorübergehend wegfällt.

    Die Momente werden intensiver.

    Mein Hirn – noch mitgenommen von einer abklingenden Sinusitis – entspannt sich zusehends.

    Die Zeit erstreckt sich auf einmal unendlich.

    Meine Wahlen werden so viel größer.

    Und ich fühle mich zurückversetzt in Zeiten, als es diesen ständigen Unterhaltungs- und Kommunikationskomplex für die Handtasche nicht gab:

    Als der Höhepunkt an Technologie als Kind war, mich mit Freunden am Telefon mit Wählscheibe zu verabreden – wenn wir das nicht schon in der Schule getan hatten – und ich alle vierstelligen Telefonnummern auswendig kannte!

    Als ich als Studentin auf den unendlich langen Zugfahrten nach Russland, die ich mir mit Jobs und eisernem Sparen immer wieder ermöglichte, dieselbe Blues-Kassette mit dem Walkman rauf- und runterhörte – wohlgemerkt nicht auf automatischer Dauerschleife, sondern ich musste die Kassette herausnehmen, umdrehen und wieder auf Play drücken… ;-).

    Als ich später als DAAD-Tutorin in Russland nur einmal pro Woche im Computer-Kabinett der Uni E-Mails an meine Familie verfassen konnte, die je nach Stabilität der Verbindung am Ende der Stunde mal durchgingen, mal nicht. Und dies über 9 Monate die einzige Kommunikation war, da Telefonieren zu teuer war.

    Wie ich all das empfand?

    Nach der Reaktion meines Körpers, der sofort ganz ruhig wird und durchatmet, als frei und leicht und „ganz da“.

    Heute spricht man so viel von Mindfulness, davon, im Moment, im Hier und Jetzt, präsent zu sein. Es werden Techniken angeboten und umfassend erörtert, wie man wohl diesen Zustand am besten erreichen kann.

    Dabei wird bisweilen jedoch das Präsentsein zu einem weiteren Ziel, das es zu erreichen gilt und dem man nur während bestimmter Zeiteinheiten, wie beim Yoga, einem schönen Bad oder einem Spaziergang in der Natur, Raum gibt.

    In der Werbung gibt so viele Anspielungen auf präsenzversprechende Pausen wie nie zuvor: ob es nun um Tee, ein Auto oder Kinder-Pingui geht.

    Zwar wird auch das ständige Online-Sein durchaus als Risikofaktor identifiziert, der dem Präsentsein entgegenwirkt, doch gelebt und praktiziert wird etwas anderes.

    Die vielfältigen Angebote der bunten Online-Welt sind allzu verlockend, und bewirken zugleich einen gewissen Druck.

    Zumindest mich machen die Symbole ungelesener Nachrichten unrund, während ihr „Abhaken“ mein Belohnungszentrum befriedigt. Doch beim nächsten Griff zum Handy schaue ich schon wieder nach den nächsten Benachrichtigungen.

    Es scheint ein aussichtsloser Kampf zu sein, sich dem zu entziehen.

    Doch was, wenn es einfacher ginge, präsent zu sein, als wir uns einreden lassen?

    Wie wäre es, wenn wir uns ohne jegliche weitere Bewertung und Überlegung darauf einlassen, einfach so zu sein, wie wir jetzt gerade sind?

    Und uns erlauben, die eigenen Gefühle wahrzunehmen und sie „durchlaufen“ zu lassen, ohne zwischen vermeintlich guten oder schlechten Empfindungen zu unterscheiden?

    Wie wäre es, keine besonderen Zeiträume mehr abteilen zu müssen fürs „Präsentsein“?

    Wenn ich ganz im Moment bin, während ich abwasche, während ich ein schwieriges Gespräch mit einem Klienten führe, oder während ich esse, brauche ich keine besonderen Rituale mehr.

    Möglicherweise bin ich sogar effizienter, wenn ich nicht schon 10 Schritte vorausdenke, und vor allem habe ich dann jeden Moment so ausgeschöpft, so tief erlebt, dass ich nicht mehr zu ihm zurückkehren muss.

    Natürlich gibt es Momente, die so intensiv sind, dass der Geist abschalten möchte. Dann kann eine spätere Betrachtung des Geschehenen durchaus wichtig sein.

    Als jemand, der dies leider exzessiv betrieben hat – wo schon beim Aufwachen die Analysemühle des Vortags einsetzte – bin ich allerdings sehr dankbar, nun einen anderen Ansatz gefunden zu haben: nämlich die Dinge genau jetzt zu er-leben und dann weiterzugehen.

    Für alle mit normalem „Dabeisein“ verarbeitbaren Momente reicht es mir nun aus, sie einfach voll und ganz zu erleben, um dann aus dem Sein heraus bewusst die nächsten Momente zu gestalten.

    Ein Beispiel:

    Ich habe ein unangenehmes Gespräch mit einem Klienten. Indem ich voll und ganz „dabei“ bin, spüre und erkenne ich, wo es hakt, was für mich tolerabel ist und was nicht und wozu der Klient bereit ist und wozu nicht.

    Danach signalisiert mir mein Körper vielleicht, dass er sich bewegen möchte, um alle Emotionen, die ihn in Bewegung, in „Motion“ gebracht haben, durchlaufen zu lassen.

    Schließlich komme ich innerlich zur Ruhe und erkenne, wie ich nun weiter verfahren kann, wobei mein Körper mit seinen Signalen den Ausschlag gibt.

    So ist der unangenehme Moment bereits „verarbeitet“.

    Und im Anschluss kann ich mich ganz dem nächsten widmen, zum Beispiel dem Abendessen.

    Tatsächlich habe ich auch hier durch die Bewegung einen zusätzlichen Zeitraum geschaffen, der dem Präsentsein gewidmet war, doch ergab er sich nicht aus vorheriger Planung, sondern folgte organisch aus den vorherigen präsenten Momenten, gefolgt vom nächsten präsenten Moment.

    Was ich derzeit hier im wundervollen Süden Europas erlebe, ist äußerst inspirierend im Bezug aufs volle Da-Sein, trotz oder gerade aufgrund des erzwungenen Offline-Modus.

    Meine größte Lehrerin im reibungslosen Wechsel der Gemütszustände ist hierbei – Überraschung, Überraschung – die liebe Loulou :-).

    Sie kommt früh maunzend an mein Bett, ganz im „Wenn Du mich nicht bald fütterst, verhungere ich elendiglich“-Modus… wohlgemerkt nur, wenn es die Situation erlaubt!

    Bin ich nämlich krank oder extrem müde, weiß sie sich durchaus zurückzunehmen; entweder, indem sie noch wartet oder weniger „aufreizende“ Laute von sich gibt.

    Sie spürt ganz genau meine Bereitschaft und Fähigkeit, ihren Wünschen zu entsprechen, und passt ihre Äußerungen an.

    Wenn sie dann ihr Futter bekommt und spürt, dass ich es gerade niedlich finde, wenn sie mir laut miauend um die Beine streicht, bringt sie mich vor Begeisterung samt Schüsselchen fast zu Fall. Snoopys Freudentanz ist nichts dagegen …

    Merkt sie hingegen, dass ich gerade Kopfschmerzen habe oder mir wünsche, es mal mit weniger Drama über die Bühne gehen zu lassen, kann sie ganz zurückhaltend sein.

    In der Regel ist es aber einfach pure Freude, ihr das heißersehnte Futter zu geben, da ich sie so gut nachvollziehen kann!

    Wenn sie ihr Schüsselchen spiegelsauber leegeleckt hat, folgt ein Ritual: Sie wetzt ins Haus und krallt sich in den Bastteppich, und wartet scheinbar nur darauf, dass ich sie anspreche. Dann jagt sie flugs die Treppe hoch, als wäre ich ein bedrohliches Monster. Oben hockt sie ein paar Minuten unter dem Bett, vermeintlich gut versteckt.

    Wenn jedoch unten etwas ist, das ihre Aufmerksamkeit erfordert, kommt sie völlig entspannt wieder herunterspaziert, als sei nichts gewesen, und tut ihre Wünsche kund – zumeist möchte sie dann von ihrer Pförtnerin rausgelassen werden.

    Und auch da ist sie sehr deutlich: Ist es ihr zu kalt, kommt sie gleich wieder rein und verzieht sich aufs Sofa, ist es jedoch schön und sonnig, sucht sie sich draußen ein Plätzchen, an dem sie es sich so richtig gemütlich macht. Und dann verbringt sie Stunden dort, in immer wieder neuen wohligen Positionen – die sie übrigens auch auf dem Sofa zu finden weiß.

    Ab und zu verschwindet sie über den Gartenzaun, besonders gerne abends und nachts, und ich bin sicher, dass sie da draußen spannende Dinge erlebt.

    Wenn wir aber beide auf dem Sofa sitzen und sie gerade mal damit ihre Toilette beendet hat, schaut sie gerne zu mir rüber und kommt für ein Weilchen auf meinen Schoß, wo sie sich ausgiebig hinter den Ohren, unterm Kinn und an den Bäckchen kraulen lässt – und natürlich sind auch Streicheleinheiten am Rücken, am Bauch und sogar ihren langfingrigen Pfoten willkommen.

    Sie zeigt immer sofort, was ihr gefällt und was nicht.

    Und wenn sie genug hat – was dauern kann, sodass ich bisweilen mit triefender Nase da sitze, weil ich vergessen habe, mir Taschentücher bereit zu legen – trollt sie sich wieder. Allerdings legt sie sich dann gerne schräg auf die Seite und stemmt sich mit ihren weichen Fußsohlen in meine Beine.

    Ich bin ihr so dankbar für ihr unverfälschtes Sein, das so sehr zu genießen weiß!

    Ganz zu schweigen von den Momenten, in denen sie zu mir kam, wenn ich weinte oder mich kränklich fühlte und mich durch ihr Schnurren bald wieder beruhigte.

    Einen nahtloseren Wechsel zwischen verschiedenen Gefühlszuständen ohne irgendwelchen Ballast kann ich mir derzeit nicht vorstellen. Und ich bin schon sehr gespannt darauf zu sehen, wie sie sie mit ihrer Familie verhält, die in einigen Tagen zurückkommt.

    Was, wenn wir alle ein wenig mehr so leben könnten wie Loulou?

    Also uns und unseren Körpern zugestehen, uns das zu holen, was uns gerade am meisten guttut?

    Das kann damit anfangen, dass wir spüren, wie wir sitzen, gehen, stehen und atmen.

    Und dann einfach immer wieder feinjustieren, wie es noch angenehmer sein kann – hier und jetzt, und nicht erst in der Yogastunde.

    Und ja, vielleicht wird sogar der Wunsch geringer, uns online berieseln zu lassen, wenn wir uns der unverfälschten und unmittelbaren Welle des Moments hingeben?

    Damit will ich nicht behaupten, dass „online“ kein wichtiges Element sei.

    Alles hat seine Zeit und seinen Raum – doch was, wenn wir bei der Reihenfolge und Dauer aller Elemente immer mehr unseren Körper den Ton angeben lassen?

    Ich bin sicher, dass wir so ein wenig mehr wie Loulou werden können, die auf dem Absatz kehrt macht, wenn ihr etwas nicht taugt, und sich ihre Streicheleinheiten holt, wo immer es geht.

    Meine – heute vielleicht nur halb ernst gemeinten – Fragen an Dich:

    1. Wo kannst Du auf dem Absatz kehrt machen und so launisch sein wie eine Katze?
    2. Was, wenn Streicheleinheiten ein MUSS sind, das Du auch von Dir selbst einfordern solltest? (Sprich: Kannst Du in Deinem inneren Monolog heute ein bisschen netter zu Dir sein als sonst?)
    3. Was, wenn Du darauf vertrauen kannst, alles zu schaffen, was wirklich zählt, solange Du auf Deinen Körper hörst?