Samaya Waters – wo meine Seele atmen lernte

Nach einer gefühlten Ewigkeit möchte ich nun den Bogen meiner Erzählung zu Ende führen, bevor ich eine 3-monatige Pause vom House-Sitting mache.

Denn nach dem letzten “Einsatz” erlebte ich einen dermaßen tiefen Einbruch und danach einen unerwartet wundervollen Neubeginn, dass ich auch dies, lieber Leser, noch mit Dir teilen möchte.

Ich hatte mich ja mit den für mich fürchterlichen Bedingungen in Plymouth arrangiert und mein Bestes gegeben – was unter anderem beinhaltete, trotz Sinusitisneigung jeden Tag auch bei regnerischem Wetter 1,5-2 Stunden ausgiebige Spaziergänge mit dem Hund zu machen, mit anschließender ausgiebiger Reinigung von Fell und Pfoten, und ansonsten rund um die Uhr für die Bespaßung dieses lebhaften jungen Hundes zuständig zu sein. Ich zählte buchstäblich die Tage und Stunden bis zu meiner Befreiung. Ein positiver Nebeneffekt meiner desolaten Situation war der Umstand, dass ich endlich eine Kur in Betracht zog – und buchte!

Als Freiberuflerin ohne dokumentierte Krankheitsverläufe hatte ich nie eine Kur bekommen, doch nun bot Fitreisen eine Ayurvedakur in Sri Lanka an, die meinen gesamten Körper durchatmen ließ!

Als die Hausherrin zurückkam, war ich ein wenig stolz, dem Hund ein bisschen mehr Gehorsam beigebracht und ihm viel Zuwendung vermittelt und ihn gut beschäftigt zu haben.

Ich hatte das ganze Haus gewienert und einige Dinge gereinigt, die schon vor meinem Aufenthalt in einem desolaten Zustand gewesen waren – und wohlweislich ein Video aufgenommen.

Außerdem hatte ich zum besseren Verständnis der Hausherrin alle “Hinterlassenschaften” beschriftet – die zu waschende Wäsche, ihre Post – auf ihren Wunsch unterteilt in wichtig und nicht so wichtig (und das bei insgesamt 5 Briefen!) – Lebensmittel- und Kosmetikareste…

Sie fiel vermeintlich aus allen Wolken, als sie erfuhr, wie einengend ich die Situation empfunden hatte (dabei hatte sie selbst die Regeln gemacht!), und behauptete, ich hätte doch per Anhalter mit dem Hund Ausflüge machen können, was vollkommen ihrer sonstigen Ängstlichkeit widersprach – ich durfte ja noch nicht einmal mit dem Hund einkaufen gehen, da sie mir nicht erlaubte, ihn vor einem Geschäft anzubinden! Vor allem jedoch war sie überrascht, wie sehr seine Aufmerksamkeit nicht nur ihr galt, sondern auch mir.

Bevor sie wiederkam, hatte er sich vor mein Gepäck gelegt, und er und die Katze kämpften regelrecht um den Zugang, denn auch der Kater wollte auf seine Weise Abschied nehmen und meine Dinge markieren.

Sie stellte vermeintlich mitfühlende Fragen, meinte, ich hätte mir doch mit dem Putzen nicht so viel Mühe machen müssen, während sie ununterbrochen den Hund, der still mit hochgerecktem Kopf neben ihr saß, am Hals kraulte, ihn auf die Schnauze küsste und “Shhh” machte, sobald er sich auch nur regen oder einen Laut von sich geben wollte. Als ich meinte, ich habe ihm spontan verschiedene Kosenamen gegeben, murmelte sie, ich habe ja keine Ahnung von Hunden.

Kurzum, der Abschied war unangenehm, aber ich dachte, ich hätte die Geschichte einigermaßen anständig über die Bühne gebracht.

Zwei Tage später jedoch erschien auf der Vermittlungsplattform eine vernichtende Bewertung von ihr, in der sie schrieb, ich sei bemüht und freundlich, aber viel zu ängstlich, habe Informationen falsch verstanden und missinterpretiert, besitze ein sehr begrenztes Verständnis von Hunden, sie habe die ganze Zeit Angst gehabt, dass ich nicht durchhalte, das Haus sei in einem relativ sauberen Zustand übergeben worden (4 von 5 Punkten), aber die Betreuung der Tiere sei mäßig gewesen (3 von 5 Punkten) und der Hund sei bei ihrer Rückkehr nicht er selbst gewesen.

Nach all meinen Mühen trafen mich diese Aussagen zutiefst, besonders jene, bei denen es um meine Betreuung der Tiere ging. Mein Verstand sagte mir, dass all dies nicht ernst zu nehmen war, doch ihre Verzerrung der Tatsachen – sie war nämlich in Wirklichkeit überrascht gewesen bei ihrer Rückkehr, dass ich keine Loblieder singe, eben weil ich ihr bewusst nur positive Nachrichten geschickt hatte, nachdem ich beschlossen hatte, mich mit der Situation abzufinden, um sie nicht zu beunruhigen, um nur ein Beispiel zu nennen – weckte alte Muster, war ich doch mit einer Königin der Verdrehung aufgewachsen.

Die Betreiber der Plattform reagierten äußerst verständnisvoll – ich hatte ihnen ja bereits zuvor whatsapp-Verläufe mit der Dame geschickt, als ich verzweifelt um Rat suchte – als ich krank war, ließ sie mich beispielsweise nur 20 Minuten zur Apotheke gehen, und insgesamt hatte ich weniger als 10 Stunden Freizeit in der Woche, um zumindest einkaufen zu gehen – doch mir wurde erst wieder besser, als ich eine sachliche Stellungnahme zu ihrer Bewertung geschrieben und anschließend mein Profil gelöscht hatte. Die Mitarbeiter meinten zwar, ich könne doch auch auf meine positiven Bewertungen auch auf anderen Plattformen verweisen, und es stünde mir offen, das Profil jederzeit wieder zu aktivieren, doch ich fühlte mich innerlich wie vergiftet.

Meine anschließende Woche in London – eigentlich als Feier nach einem Monat im Gefängnis gedacht – war geprägt von Trauer, Energielosigkeit und vor allem Hoffnungslosigkeit. All die tollen Projekte, die ich mir vorgenommen hatte – endlich meine Bücher an Beta-Reader bzw. Verlage weiterzugeben und insgesamt einen neuen Aufschwung zu wagen, versandeten in absoluter Kraft- und Freudlosigkeit. An einem Tag stellte ich mir so ernsthaft die Frage, ob mein Leben einen Sinn habe, dass nur ein Gespräch mit meiner treuen Freundin Katrin mir half, die Stange zu halten. Bei der Telefonseelsorge bekam ich die Auskunft, alle Leitungen seien belegt und es mache wenig Sinn, es später zu versuchen. Wieder einmal steckte ich in der Situation, kein Gehör zu finden, und betont positive Nachrichten von Bekannten gossen noch Öl ins Feuer – wie könnte ich denn schlecht drauf sein, wo ich doch in London sei? Erst ein Besuch bei meiner lieben Londoner Freundin Sandra am Ende der Woche brachte wieder Perspektive in alles, und zurück in Nürnberg erlebte ich einen so lieben und herzlichen Empfang durch Heino, einen Freund, bei dem ich bis zu meiner Abreise nach Sri Lanka bleiben durfte, dass ich wieder deutlich Mut fasste.

Und so flog ich nach Sri Lanka – erschöpft, doch in Hoffnung auf wahre Erholung. Mit meiner Landung in Colombo begann das Märchen. 🙂

Angefangen von der freundlichen Begrüßung am Flughafen und meiner ersten Begegnung mit einem Streifenhörnchen, über die Einquartierung im Paradies, den ersten Setbacks – einer Absage von einem perspektivischen Job in Berlin, Partylärm von einem benachbarten Resort und der Unfähigkeit, runterzufahren oder zu schlafen – bis hin zu den ersten spannenden Begegnungen mit meinen Mitgästen, allen voran Göknur aus Stuttgart, die so vereinnahmend und zugleich gewinnend war, dass sich niemand ihrem Charme und ihrer Herzenswärme entziehen konnte.

Wie das Schicksal so spielt, hat sie durch den Tod ihres Bruders und die Begleitung ihres Vaters auf seinem letzten Weg ohne Unterstützung durch ihre vielzahligen Geschwister als erster Mensch ein wirkliches Verständnis für das, was ich in den letzten Jahren durchgemacht habe. Und von ihr als absoluter Powerfrau zu hören, dass sie sich auch irgendwann professionelle Hilfe holte, tat unendlich gut.

Die absolut wohlmeinenden Kommentare und Ratschläge meiner Umgebung, auf das Positive zu schauen, hatten leider auch bewirkt, dass ich meinen Trauer- und Verarbeitungsprozess nicht ernst genug nahm. Dass ich davon ausging, nun sei es doch mal endlich gut, nach bald drei Jahren. Dass ich jedoch schon zuvor an die sieben Jahre in einer Ausnahmesituation gelebt hatte, die sich immer nur weiter zuspitzte, wurde dabei außer Acht gelassen. Mein Körper und meine Seele hatten so viel “Durchhalten”, “Zusammenreißen” und ständiges Kranksein ertragen, dass nun bei der Kur endlich all das Aufgestaute einen Damm einriss, der mich lange von wirklicher Nähe abgeschnitten hatte. Dazu zählten auch Wutausbrüche, abgrundtiefe Trauer und Weinen, extreme Empfindlichkeit und Verletzlichkeit gegenüber unangebrachten oder auch missverstandenen Äußerungen – und dennoch überwog das Gefühl des Aufgehobenseins in unserer kleinen Truppe, die mit Nina, ihres Zeichens Psychotherapeutin, und Dietmar, einem lebensfrohen Steueranwalt aus Berlin, dem man sein stolzes Alter nie ansehen würde, bald komplettiert wurde.

Jeden Tag gab es eine Konsultation mit der wunderbaren Dr. Tharanga, die in allen Medizinrichtungen bewandert war, und neben Akupunktur auch die Yogastunden morgens und abends durchführte, und natürlich die von ihr verordneten Behandlungen, die in ihrer Vielfalt kaum aufzuzählen sind. Natürlich stand die Darmreinigung im Mittelpunkt, doch auch die 3-tägige Stirngusskur brachte viel seelischen Dreck hoch, der dann sanft losgelassen werden konnte. Eine Nebenhöhlenausreinigung ließ mich durchatmen wie schon seit Jahren nicht mehr, und die täglichen Massagen mit Öl, Kräuterstempeln, “Puder” und sonstigen Zutaten waren so zahlreich, dass ich bisweilen fast “massagemüde” wurde – etwas, was ich mir nie hätte vorstellen können!

“Umrahmt” wurde das Kurgeschehen von einem paradiesisch ruhigen Ort an einer breiten Flussbiegung mit allem, was das Herz begehrt (vielleicht mit Ausnahme eines kühlen Sportraums), einem wundervollen Haus mit natürlichen Materialien, aber auch allem Komfort, den man sich wünscht, wie Ventilator und Klimaanlage, sowie den regelmäßigen immer frisch zubereiteten Mahlzeiten aus den vielfältigen Obst- und Gemüsesorten… sogar Bücher lagen aus, wobei mich eine russische Übersetzung von “In die Sonne schauen” des amerikanischen Psychotherapeuten und Psychiaters Irvin D. Yalom geradezu anlachte. Denn passenderweise geht es darin um den Umgang mit dem Tod.

Die Ausflüge mit Jay, seines Zeichens Masseur und Tourguide, waren betörend schön, da er uns die Orte wirklich nahebrachte. Der Tempelbesuch, bei dem er Göknur und mir Blüten gab, um sie Buddha zu schenken und Fürbitten zu sprechen, wird für immer in meinem Herzen bleiben. Doch auch der Besuch auf der “Geheimen Insel”, die Bootstour mit allen am frühen Morgen und der Ausflug auf den Markt und zum Schneider werden mir trotz meiner vielen Eindrücke aus Jahrzehnten des Reisens und Herumkommens in der Welt ganz besonders in Erinnerung bleiben.

Am meisten jedoch beeindruckte mich der Zusammenhalt in unserer kleinen Gruppe, die alle im Resort umfasste, also neben Dr. Tharanga und Jay auch den Koch Nuwan, den Gärtner Vijaj, den talentierten Blumendekorateur Ruwan und natürlich Theshan, den Kopf und das Herz hinter dem Samaya Waters.

Wie wir uns hier als Gäste zusammengefunden hatten, war einfach magisch. Jeden Tag bestätigten wir uns gegenseitig, dass wir im Paradies gelandet seien. Jedes neu entdeckte Tier, jede exotische Pflanze, jede kunstvolle Blumendekoration auf dem Tisch, jeder schöne, ruhige, lustige, komische, stille, unbequeme, wirklich jeder wie auch immer geartete Moment war ein Geschenk. Als das Hotelteam zum Zuckerfest für Göknur ausnahmsweise Fisch zubereitet und einen Tisch am Bootssteg hergerichtet hatte, wurde dies zu einem festlichen Abend für uns alle.

Als ich langsam wieder gesund wurde, fühlte ich mich zunehmend wohler, je öfter ich selbst anderen Behandlungen geben durfte – und war freudig überrascht, wie organisch sich Anlässe für Körperprozesse, energetische Sitzungen oder einfach Facilitation ergaben.

Was sich innerlich in dieser Zeit bei mir tat, kann ich noch gar nicht in Worte fassen – ich kann höchstens versuchen, meine Beobachtungen im Vergleich zu umreißen.

War ich zuvor kleinmütig und sah wenig Sinn in meinem Dasein, weiß ich nun, dass ein Atemzug auf den nächsten aufbaut und keine Situation unveränderlich ist.

Hatte ich mich zuvor oft ausgeliefert gefühlt, weiß ich nun, dass ich alles verändern kann, über kurz oder lang.

Hatte ich mich zuvor für meine heftigen Gefühlsregungen und -ausbrüche geschämt, weiß ich nun, dass auch dies Teil meiner derzeitigen Verfassung ist und gar nicht so viel zerstörerisches Gewicht hat, wie ich zu Hause gelernt hatte.

Sah ich mich zuvor als alt, übergewichtig und unfit, weiß ich nun, dass ich durchaus attraktiv bin und mit meinem Körper eine ganz eigene Sprache spreche.

Hielt ich zuvor meine verschiedenen körperlichen Einschränkungen für unausweichlich, weiß ich nun, dass es nichts Ungewöhnliches ist, sich so intensiv um seinen Körper zu kümmern, wie dies bei der Kur der Fall war.

War ich vorher anfällig für große Versprechen auf dem Bildschirm – seien es Dating-Plattformen, das nächste große House-Sit-Abenteuer oder auch scheinbar spannende Projekte, die vermeintlich alles vereinen, wonach ich suche, am Ende jedoch von KI gespeist sind – halte ich nun selbst meine kleinen Versprechen mir selbst gegenüber.

Mit großem Fernweh bin ich nach Deutschland zurückgekehrt, um einige Monate vor Ort zu bleiben und mich um eine professionelle psychologische Unterstützung zu bemühen. Vielleicht führt mein Weg mich auch zurück an diesen magischen Ort. Doch eines bin ich mir nun gewiss – alles wird schlussendlich gut.

Weil ich endlich mich einbeziehe in meinen Wahlen, aus dem Moment UND aus der Weitsicht zugleich.

Wenn es mich nicht glücklich macht, tu ich es nicht mehr. Punkt.

Wie steht es bei Dir, lieber Leser?

Bist Du bereit, auf Dich zu hören?

Hast Du einen Raum, in dem Deine Seele atmen kann?

Wer oder was gibt Dir diesen Raum?

Bist Du selbst dazu bereit und in der Lage?

Und wenn nicht, gibt es jemanden in Deinem Leben, der Dir das vorlebt?

Abschließend möchte ich noch eine Aussage teilen, die mir aus der Seele spricht: Und zwar sprach Trevor Noah, dessen Podcasts mit interessanten Leuten und allen lebensrelevanten Themen mich immer wieder fasziniert, davon, den Mut zu haben, sich selbst zu erlauben, sich zu verändern.

Dies ist – für jetzt – ein abschließendes Mosaiksteinchen zum Glücklichsein – davon abzukommen, einen alten Status Quo wiederherzustellen, sondern den Mut zu haben, voranzugehen, auch, wenn das Ergebnis und vielleicht das Ziel unbekannt sind.

Das leitende Licht im Innern ist jedoch immer das Glück.

Dann kann man sich nicht verirren.

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