
Gestern beim Putzen hörte ich mir mal wieder einen Kurzbeitrag über ADHS an und fühlte mich dieses Mal direkt angesprochen. Es war, als hätten die Verfasser meine Fragen der letzten Tage gehört und gezielt beantwortet.
Ich möchte vorwegschicken, dass ich der inflationären Verwendung und Zuschreibung von Diagnosen – wie im übrigen auch der des Narzissmus, in dem Fall natürlich auf andere projiziert – in letzter Zeit immer skeptischer gegenüber stehe. Es ist, als bediente sich jeder einfach dieser Begriffe, um zu belegen, warum es ihm schwer fällt, Ordnung zu halten, sich zu konzentrieren oder Termine einzuhalten. Rein statistisch gesehen erscheint es mir unwahrscheinlich, dass so viele Menschen „ADHD haben“ – wenn natürlich auch das Gewahrsein dafür die Zahl der „Diagnostizierten“ scheinbar plötzlich ansteigen lässt. Doch wenn ich mir Beiträge mit Menschen anschaue, die wirklich ADHD oder Autismus –unkorrekterweise oft synonym verwendet – „haben“, muss ich zugeben, dass sie wirklich anders funktionieren. Ihnen ihre Einzigartigkeit und ja, auch ihren Kampf in einer Gesellschaft, in der dies noch nicht als Teil der Norm gilt, abzusprechen, indem man es selbst als bequem empfindet, bestimmte Eigenheiten einem amorphen Komplex an „Symptomen“ zuzuschreiben, finde ich unangemessen und sogar unfair.
Dies vorweggenommen, erlebte ich dennoch genau bei diesem Beitrag eben nicht nur ein abstraktes Wiedererkennen schon oft gehörter Informationen, sondern ich fühlte mich direkt angesprochen.
Noch Tage zuvor hatte ich in einer niedergeschlagenen Stimmung einmal alles aufgeschrieben, was „mein innerer Nörgler“ so von sich gibt (eine Übung übrigens, die sehr gut tun kann, aber dazu ein andermal), stachen diesmal besonders Begriffe heraus wie „asozial“, „ungesellig“, „wenig mit anderen Menschen vernetzt“.
Während ich inzwischen bereits anerkannt habe, dass sich meine Art der Verbindung vielleicht nicht immer im physischen Zusammensein zeigt, fragte ich mich doch zum wiederholten Male, warum es mir so angenehm ist, viel Zeit „alleine“ zu verbringen – einmal ganz abgesehen davon, dass ich in dieser Zeit ja gar nicht alleine bin! Vielmehr denke ich an die anderen und spiele vieles durch im Versuch, die Energie dahinter zu erkennen und ihr auf den Grund zu gehen.
Die Dynamik in großen Gruppen hingegen macht mich schnell müde, denn selbst wenn ich die Menschen einzeln sehr mag, ertrage ich ihr Verhalten in großen Settings oft nur schwer. Und das meine ich eher im Sinne von perplex und überrascht als „wie können sie nur?“.
Der Beitrag nun erklärte, das Hirn eines Menschen mit ADHD funktioniere anders als das anderer Menschen im Durchschnitt: Schüttet deren Hirn Dopamin aus, wenn sie in großen Gruppen sind – also fühlen sie sich pudelwohl, energetisiert und beschwingt, geschieht beim ADHD-Hirn genau das Gegenteil: Es schüttet weniger Dopamin aus und ist zugleich einer Reizüberflutung ausgesetzt, weil seine äußerst feinen Fühler die vielfältigen Gemütslagen ALLER wie eine riesige unvereinbare Wetterlage über sich hereinbrechen sehen. Nichts ergibt Sinn, besonders die Masken, die in solchen Settings zwangsläufig herausgeholt werden. So ermüdet der Geist schnell, und man fragt sich, warum man so schlecht bei dem Gesellschaftsspiel ist, so „ungesellig“.
Ich fühlte mich so bestätigt!
Große Menschenmengen können mir Freude machen, jedoch in der Regel auf die Entfernung. In Büchern, Filmen oder auf der Durchreise finde ich es toll, viele Menschen zusammenkommen zu sehen, für mich selbst genieße ich jedoch viel mehr die Momente kurz vor Ladenöffnung oder -schluss, die Nachtschichten, wenn fast niemand da ist, Situationen, in denen wenige Menschen für große Menschenmengen gedachte Einrichtungen nutzen und jeder (meinem Empfinden nach) ganz er selbst sein kann. Das Eintauchen in große Mengen gefällt mir unter der Voraussetzung, dass alle zumindest vorübergehend ein gemeinsames Ziel haben – wie bei einem Kurs, in einem Chor, am Flughafen oder Bahnhof, oder in einer Ausnahmesituation.
Spannenderweise fällt es mir relativ leicht, vor einer großen Gruppe von Menschen zu sprechen – je größer, sprich anonymer, desto besser – dies schreibe ich jedoch dem Umstand zu, dass ich dann praktisch eine sanktionierte Aufgabe habe und zielgerichtet handeln kann.
Small Talk um des Small Talks hingegen verwirrt mich bis heute.
Wie können wir so tun, als sähen wir nicht weiter als bis hinter die zweite oder dritte Maske?
Und ich gestehe zu, dass ich möglicherweise die Regeln nie verstanden habe – noch einmal: nicht aus Weigerung, sondern aus Unvermögen.
Dies ist es auch, was ich daran liebe, in verschiedene Länder zu reisen – zu sehen, wie man in verschiedenen Gesellschaften mit Nähe und dem Sehen des Gegenübers umgeht.
Am meisten „zu Hause“ habe ich mich bisher in Russland und mit Menschen gefühlt, die aus dem „russländischen“ Einzugsbereich kommen, wo es weniger unausgesprochene Gesetze gibt – oder vielleicht sind mir die bestehenden Gesetze intuitiv einfach vertrauter? In jedem Fall ist der Umgang generell direkter und weniger von Codes bestimmt. Für jemanden wie mich, der Dinge sehr buchstäblich nimmt, weil ich selbst versuche, möglichst ehrlich zu sein, ist das sehr erholsam – die Rätselraterei fällt weg.
Dieser direkte Umgang scheint im Gegenzug die Fähigkeit der Menschen, hinter die Masken zu sehen, zu stimulieren. Mich hat die Aussage eines ehemaligen russischen Liebhabers, der unter seinen Kollegen laut und jovial auftrat, über meine zeitweise komplizierten emotionalen Manöver verblüfft: das sind Kleinigkeiten, das ist nur der Charakter. Ähnlich äußerte sich eine georgische Freundin über einen gemeinsamen bekannten (äußert charmanten) Filou, indem sie meinte, er sei unzuverlässig und bisweilen ein Miststück, aber er habe ein Herz aus Gold.
Und beide Äußerungen erfolgten ohne die geringste Ladung, eher so, als stelle man fest, jemand habe braune Augen und möge Eis.
Derart differenzierte Wahrnehmungen von Menschen hatte ich bis dato nur in Büchern angetroffen, die Menschen in ihrer Gesamtheit beschreiben.
Vielleicht ist das meine große Sehnsucht – lockere Unterhaltungen über das führen zu können, was ich für wesentlich erachte: was jeden einzelnen von uns wirklich ausmacht und gerade bewegt.
Hier bin ich unendlich dankbar für meine wunderbaren Freunde, mit denen ich solche Gespräche führen kann!
Doch alles zu seiner Zeit, in dem Rhythmus an Nähe und Ferne, der mir gut tut. 🙂
Spannend, oder? Ich habe nun noch immer nicht geklärt, ob auf mich das Label ADHD zutrifft, oder in welchem Ausmaß. Doch darum geht es hier auch nicht, oder eben darum, dass es nicht ums Labeln geht.
Am Ende zählt, dass wir alle in unserer Gesamtheit und unserer Einzigartigkeit gesehen werden – und sich wiederzuerkennen wie ich in diesem Beitrag, tut oft gut.
Doch schlussendlich kommt es immer darauf an, wie wir mit uns selbst umgehen.
Solange ich also immer freundlicher auf meine Bedürfnisse höre und sie nicht als anormal abtue, sondern als eben meine besondere Art der Verarbeitung von Reizen sehe, die sich verschiedentlich äußern kann, kann ich sie einfach stehen lassen.
Ich muss sie weder als gut oder schlecht, angemessen oder unangemessen, noch als gewöhnlich oder besonders einstufen, sie sind einfach.
Wie steht es bei Dir?
- Welche Art von Nähe ist Dir wichtig, wieviel davon und mit wem?
- Wie viel Zeit magst Du dazwischen zum „Verdauen“ der Eindrücke habe, zum Sortieren?
- Wenn wir uns keine hochtrabenden Labels verleihen müssten, um unsere Andersartigkeit zu rechtfertigen, wie freundlich könnten wir dann einfach das wählen, was uns persönlich im jeweiligen Moment taugt?
- Was, wenn ALLE Varianten cool sind, einfach, weil es sie gibt?

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