Wenn der Körper den Weg weist 3

Empfangen, Licht und Loulou: Ein Tag ohne Internet
Der Genuss, am Leben zu sein, Teil II

Ein Tag ohne Internet.

Nach über 30 Stunden wackliger Verbindung mit unzähligen Versuchen, sie zu richten, nun der Komplettausfall.

Ganz draußen am Meeresufer gibt es paradoxerweise so viel Netz, dass immerhin die vorbereiteten Nachrichten an meine Schüler rausgehen.

Eine gute Gelegenheit, um meinen nächsten Blog zu schreiben.

Über meine herrliche Zeit hier im Süden.

Über die Sonne, das Licht, die Weite.

Und nun auch über den Regen, die Strom- und Internetausfälle…

Am Meer habe ich vorhin dieses Bild aufgenommen – was für ein herrliches Spektakel!

Und zugleich bemerkt, wie sehr mich die Aussicht entspannt, heute einmal kein Internet zu haben.

Wie viel tiefer und ruhiger ich atme.

Wie die innere Tagesstruktur ihre Eisenklaue um mein Hirn auf einmal lockert.

Auf einmal tut sich so viel Zeit auf!

Dabei ist das Internet die Welt, die gerade mir als digitaler Nomadin ALLES ermöglicht:

den Kontakt mit Klienten, Schülern und Freunden,

die Möglichkeit, auf den verschiedensten Kanälen zu posten,

die Quelle für Nachrichten aus aller Welt und Unterhaltung.

Paradoxerweise scheint das einen gewissen Druck aufzubauen, wie mir gerade mein Körper dadurch zeigt, wie es sich anfühlt, wenn das Internet zumindest vorübergehend wegfällt.

Die Momente werden intensiver.

Mein Hirn – noch mitgenommen von einer abklingenden Sinusitis – entspannt sich zusehends.

Die Zeit erstreckt sich auf einmal unendlich.

Meine Wahlen werden so viel größer.

Und ich fühle mich zurückversetzt in Zeiten, als es diesen ständigen Unterhaltungs- und Kommunikationskomplex für die Handtasche nicht gab:

Als der Höhepunkt an Technologie als Kind war, mich mit Freunden am Telefon mit Wählscheibe zu verabreden – wenn wir das nicht schon in der Schule getan hatten – und ich alle vierstelligen Telefonnummern auswendig kannte!

Als ich als Studentin auf den unendlich langen Zugfahrten nach Russland, die ich mir mit Jobs und eisernem Sparen immer wieder ermöglichte, dieselbe Blues-Kassette mit dem Walkman rauf- und runterhörte – wohlgemerkt nicht auf automatischer Dauerschleife, sondern ich musste die Kassette herausnehmen, umdrehen und wieder auf Play drücken… ;-).

Als ich später als DAAD-Tutorin in Russland nur einmal pro Woche im Computer-Kabinett der Uni E-Mails an meine Familie verfassen konnte, die je nach Stabilität der Verbindung am Ende der Stunde mal durchgingen, mal nicht. Und dies über 9 Monate die einzige Kommunikation war, da Telefonieren zu teuer war.

Wie ich all das empfand?

Nach der Reaktion meines Körpers, der sofort ganz ruhig wird und durchatmet, als frei und leicht und „ganz da“.

Heute spricht man so viel von Mindfulness, davon, im Moment, im Hier und Jetzt, präsent zu sein. Es werden Techniken angeboten und umfassend erörtert, wie man wohl diesen Zustand am besten erreichen kann.

Dabei wird bisweilen jedoch das Präsentsein zu einem weiteren Ziel, das es zu erreichen gilt und dem man nur während bestimmter Zeiteinheiten, wie beim Yoga, einem schönen Bad oder einem Spaziergang in der Natur, Raum gibt.

In der Werbung gibt so viele Anspielungen auf präsenzversprechende Pausen wie nie zuvor: ob es nun um Tee, ein Auto oder Kinder-Pingui geht.

Zwar wird auch das ständige Online-Sein durchaus als Risikofaktor identifiziert, der dem Präsentsein entgegenwirkt, doch gelebt und praktiziert wird etwas anderes.

Die vielfältigen Angebote der bunten Online-Welt sind allzu verlockend, und bewirken zugleich einen gewissen Druck.

Zumindest mich machen die Symbole ungelesener Nachrichten unrund, während ihr „Abhaken“ mein Belohnungszentrum befriedigt. Doch beim nächsten Griff zum Handy schaue ich schon wieder nach den nächsten Benachrichtigungen.

Es scheint ein aussichtsloser Kampf zu sein, sich dem zu entziehen.

Doch was, wenn es einfacher ginge, präsent zu sein, als wir uns einreden lassen?

Wie wäre es, wenn wir uns ohne jegliche weitere Bewertung und Überlegung darauf einlassen, einfach so zu sein, wie wir jetzt gerade sind?

Und uns erlauben, die eigenen Gefühle wahrzunehmen und sie „durchlaufen“ zu lassen, ohne zwischen vermeintlich guten oder schlechten Empfindungen zu unterscheiden?

Wie wäre es, keine besonderen Zeiträume mehr abteilen zu müssen fürs „Präsentsein“?

Wenn ich ganz im Moment bin, während ich abwasche, während ich ein schwieriges Gespräch mit einem Klienten führe, oder während ich esse, brauche ich keine besonderen Rituale mehr.

Möglicherweise bin ich sogar effizienter, wenn ich nicht schon 10 Schritte vorausdenke, und vor allem habe ich dann jeden Moment so ausgeschöpft, so tief erlebt, dass ich nicht mehr zu ihm zurückkehren muss.

Natürlich gibt es Momente, die so intensiv sind, dass der Geist abschalten möchte. Dann kann eine spätere Betrachtung des Geschehenen durchaus wichtig sein.

Als jemand, der dies leider exzessiv betrieben hat – wo schon beim Aufwachen die Analysemühle des Vortags einsetzte – bin ich allerdings sehr dankbar, nun einen anderen Ansatz gefunden zu haben: nämlich die Dinge genau jetzt zu er-leben und dann weiterzugehen.

Für alle mit normalem „Dabeisein“ verarbeitbaren Momente reicht es mir nun aus, sie einfach voll und ganz zu erleben, um dann aus dem Sein heraus bewusst die nächsten Momente zu gestalten.

Ein Beispiel:

Ich habe ein unangenehmes Gespräch mit einem Klienten. Indem ich voll und ganz „dabei“ bin, spüre und erkenne ich, wo es hakt, was für mich tolerabel ist und was nicht und wozu der Klient bereit ist und wozu nicht.

Danach signalisiert mir mein Körper vielleicht, dass er sich bewegen möchte, um alle Emotionen, die ihn in Bewegung, in „Motion“ gebracht haben, durchlaufen zu lassen.

Schließlich komme ich innerlich zur Ruhe und erkenne, wie ich nun weiter verfahren kann, wobei mein Körper mit seinen Signalen den Ausschlag gibt.

So ist der unangenehme Moment bereits „verarbeitet“.

Und im Anschluss kann ich mich ganz dem nächsten widmen, zum Beispiel dem Abendessen.

Tatsächlich habe ich auch hier durch die Bewegung einen zusätzlichen Zeitraum geschaffen, der dem Präsentsein gewidmet war, doch ergab er sich nicht aus vorheriger Planung, sondern folgte organisch aus den vorherigen präsenten Momenten, gefolgt vom nächsten präsenten Moment.

Was ich derzeit hier im wundervollen Süden Europas erlebe, ist äußerst inspirierend im Bezug aufs volle Da-Sein, trotz oder gerade aufgrund des erzwungenen Offline-Modus.

Meine größte Lehrerin im reibungslosen Wechsel der Gemütszustände ist hierbei – Überraschung, Überraschung – die liebe Loulou :-).

Sie kommt früh maunzend an mein Bett, ganz im „Wenn Du mich nicht bald fütterst, verhungere ich elendiglich“-Modus… wohlgemerkt nur, wenn es die Situation erlaubt!

Bin ich nämlich krank oder extrem müde, weiß sie sich durchaus zurückzunehmen; entweder, indem sie noch wartet oder weniger „aufreizende“ Laute von sich gibt.

Sie spürt ganz genau meine Bereitschaft und Fähigkeit, ihren Wünschen zu entsprechen, und passt ihre Äußerungen an.

Wenn sie dann ihr Futter bekommt und spürt, dass ich es gerade niedlich finde, wenn sie mir laut miauend um die Beine streicht, bringt sie mich vor Begeisterung samt Schüsselchen fast zu Fall. Snoopys Freudentanz ist nichts dagegen …

Merkt sie hingegen, dass ich gerade Kopfschmerzen habe oder mir wünsche, es mal mit weniger Drama über die Bühne gehen zu lassen, kann sie ganz zurückhaltend sein.

In der Regel ist es aber einfach pure Freude, ihr das heißersehnte Futter zu geben, da ich sie so gut nachvollziehen kann!

Wenn sie ihr Schüsselchen spiegelsauber leegeleckt hat, folgt ein Ritual: Sie wetzt ins Haus und krallt sich in den Bastteppich, und wartet scheinbar nur darauf, dass ich sie anspreche. Dann jagt sie flugs die Treppe hoch, als wäre ich ein bedrohliches Monster. Oben hockt sie ein paar Minuten unter dem Bett, vermeintlich gut versteckt.

Wenn jedoch unten etwas ist, das ihre Aufmerksamkeit erfordert, kommt sie völlig entspannt wieder herunterspaziert, als sei nichts gewesen, und tut ihre Wünsche kund – zumeist möchte sie dann von ihrer Pförtnerin rausgelassen werden.

Und auch da ist sie sehr deutlich: Ist es ihr zu kalt, kommt sie gleich wieder rein und verzieht sich aufs Sofa, ist es jedoch schön und sonnig, sucht sie sich draußen ein Plätzchen, an dem sie es sich so richtig gemütlich macht. Und dann verbringt sie Stunden dort, in immer wieder neuen wohligen Positionen – die sie übrigens auch auf dem Sofa zu finden weiß.

Ab und zu verschwindet sie über den Gartenzaun, besonders gerne abends und nachts, und ich bin sicher, dass sie da draußen spannende Dinge erlebt.

Wenn wir aber beide auf dem Sofa sitzen und sie gerade mal damit ihre Toilette beendet hat, schaut sie gerne zu mir rüber und kommt für ein Weilchen auf meinen Schoß, wo sie sich ausgiebig hinter den Ohren, unterm Kinn und an den Bäckchen kraulen lässt – und natürlich sind auch Streicheleinheiten am Rücken, am Bauch und sogar ihren langfingrigen Pfoten willkommen.

Sie zeigt immer sofort, was ihr gefällt und was nicht.

Und wenn sie genug hat – was dauern kann, sodass ich bisweilen mit triefender Nase da sitze, weil ich vergessen habe, mir Taschentücher bereit zu legen – trollt sie sich wieder. Allerdings legt sie sich dann gerne schräg auf die Seite und stemmt sich mit ihren weichen Fußsohlen in meine Beine.

Ich bin ihr so dankbar für ihr unverfälschtes Sein, das so sehr zu genießen weiß!

Ganz zu schweigen von den Momenten, in denen sie zu mir kam, wenn ich weinte oder mich kränklich fühlte und mich durch ihr Schnurren bald wieder beruhigte.

Einen nahtloseren Wechsel zwischen verschiedenen Gefühlszuständen ohne irgendwelchen Ballast kann ich mir derzeit nicht vorstellen. Und ich bin schon sehr gespannt darauf zu sehen, wie sie sie mit ihrer Familie verhält, die in einigen Tagen zurückkommt.

Was, wenn wir alle ein wenig mehr so leben könnten wie Loulou?

Also uns und unseren Körpern zugestehen, uns das zu holen, was uns gerade am meisten guttut?

Das kann damit anfangen, dass wir spüren, wie wir sitzen, gehen, stehen und atmen.

Und dann einfach immer wieder feinjustieren, wie es noch angenehmer sein kann – hier und jetzt, und nicht erst in der Yogastunde.

Und ja, vielleicht wird sogar der Wunsch geringer, uns online berieseln zu lassen, wenn wir uns der unverfälschten und unmittelbaren Welle des Moments hingeben?

Damit will ich nicht behaupten, dass „online“ kein wichtiges Element sei.

Alles hat seine Zeit und seinen Raum – doch was, wenn wir bei der Reihenfolge und Dauer aller Elemente immer mehr unseren Körper den Ton angeben lassen?

Ich bin sicher, dass wir so ein wenig mehr wie Loulou werden können, die auf dem Absatz kehrt macht, wenn ihr etwas nicht taugt, und sich ihre Streicheleinheiten holt, wo immer es geht.

Meine – heute vielleicht nur halb ernst gemeinten – Fragen an Dich:

  1. Wo kannst Du auf dem Absatz kehrt machen und so launisch sein wie eine Katze?
  2. Was, wenn Streicheleinheiten ein MUSS sind, das Du auch von Dir selbst einfordern solltest? (Sprich: Kannst Du in Deinem inneren Monolog heute ein bisschen netter zu Dir sein als sonst?)
  3. Was, wenn Du darauf vertrauen kannst, alles zu schaffen, was wirklich zählt, solange Du auf Deinen Körper hörst?

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