Morgendliche Gedanken aus der Dordogne

Es ist halb zehn und draußen minus sechs Grad, wie von meiner App versprochen.
Ich habe die Katzen gefüttert und sie chillen nun auf dem Boden im Raum verteilt – der große Muphasa mit dem Teddypelz auf dem Teppich und die zierliche Ushi mit fedrigfeinem Fell auf den warmen Fliesen.
Die Stille ist vollkommen – abgesehen vom Ticken der traditionellen holländischen Uhr an der Wand, die in ihrer Form einer Kuckucksuhr nicht unähnlich ist, aber glücklicherweise viel leiser, und kunstvoller gestaltet.
Selbst der innere Dialog, der aus dem Reich der Träume in meinen morgendlichen Dämmerzustand übergeschwappt war, ebbt langsam ab.
Was bleibt, ist die Dankbarkeit für diesen strahlend sonnigen Tag, dafür, dass ich hinausgehen und Bilder vom Frost auf Kies, Blättern und Gras machen kann, in dem Wissen, dass ich in ein gemütliches Zuhause zurückkehren und einfach genießen kann, wo und wer ich gerade bin.
Zwei Jahre lang hatte ich den Traum vom Reisen genährt, ihn aber fast aufgegeben, da der Berg der Besitztümer meiner Familie, den ich Schicht für Schicht durcharbeiten musste, unendlich erschien und ich so geschwächt war, dass ich ein halbes Jahr lang eine Nasennebenhöhlenentzündung nach der anderen durchmachte. Als das Finanzamt an meine Tür klopfte und dem Haus meiner Eltern einen absolut unverhältnismäßigen Wert zuschrieb, von dem aus die Erbschaftssteuer berechnet werden sollte, war ich gezwungen, es zu verkaufen – was sich als das Beste herausstellte, was ich je getan habe.
Nun erlaube ich mir endlich wieder die Freiheit zu reisen, derzeit als Haussitterin. Dies ermöglicht es mir, verschiedene Orte Kennenzulernen und dabei tiefer in die Kultur einzutauchen, als ich dies als bloße Touristin könnte, während die Miete gedeckt ist, da ich kostenlos wohnen kann im Austausch dafür, dass ich mich um die Haustiere und Pflanzen im Haus kümmere (und gelegentlich um den Garten). Außerdem bekomme ich ein Gefühl dafür, wo und wie ich leben möchte, indem ich verschiedene Länder und Häuser erlebe. Gleichzeitig bin ich frei in meiner Arbeit, da ich nur WLAN brauche, um meine Unterrichtsstunden und Sessions zu geben und an meinen Texten zu arbeiten. Ich liebe es, meinen Zeitplan an die Bedürfnisse meiner süßen Schützlinge anpassen zu können.
Ich habe an vielen Orten der Welt gelebt und gearbeitet, unter anderem in Moskau, aber der Verkauf des Hauses meiner Eltern gibt mir die finanzielle Freiheit, vorübergehend nur die Jobs anzunehmen, die mir gefallen, und wirklich neue Wege zu erkunden.
Es hat eine ganze Weile gedauert, bis ich an diesen Punkt gelangt bin, denn über ein Jahrzehnt lang hatte ich in einem Zeitkorsett gearbeitet, das in den meisten Wochen nicht einmal einen halben freien Tag zuließ – und mit Woche meine ich 7 Tage – da die arbeitsintensivsten Zeiten Wochenenden und Nächte waren. In gewisser Weise gedieh ich und war überrascht und stolz, dass ich es schaffen konnte, doch jeden freien Moment zu nutzen – selbst beim Reisen, beim Friseur oder in meinen Pausen zwischen den Unterrichtsstunden – um zu übersetzen (was fast zu einem Freizeitsport wurde…) hatte mich von normalen Interaktionen mit Menschen entfremdet.
Jedes Gespräch musste einen Zweck haben, da es entweder dem Austausch arbeitsbezogener Informationen diente oder die Form einer Session hatte… und obwohl diese Sessions zugegebenermaßen auch Raum ließen, einfach Dampf abzulassen und die eigenen emotionalen Bedürfnisse erfüllt zu bekommen, war der Rahmen immer ergebnisorientiert und kaum jemals spontan. Telefonate mit Freunden und Familie mussten akribisch geplant und in meinen übervollen Zeitplan eingepasst werden, und meistens fühlten sie sich wie ein weiterer Termin an, für den ich Energie aufbringen musste, anstatt einfach auszuruhen.
Nun würde ich lügen, wenn ich sagte, dass mir das nicht gefallen hätte.
Mit meiner eher introvertierten Natur war ich glücklich mit diesem Arrangement, das „sachliche“ Interaktionen ermöglichte, die „einem bestimmten Zweck dienten“. Doch mit der Zeit wuchs das nagende Gefühl, dass der Zweck nicht erreicht wurde – der vermeintlich darin bestand, sich von einschränkenden Überzeugungen zu befreien und sein Leben so zu gestalten, als ob keine Beziehungen, nicht einmal die zu Freunden und Familie, wirklich von Bedeutung wären. Dies wurde mir während der 6 Jahre schmerzlich klar, in denen ich erst meinen Vater, dann meine Mutter und schließlich meine Schwester in ihren letzten Monaten und Wochen begleitete.
Einerseits ermöglichte mir meine Selbstständigkeit, für sie da zu sein, wie ich es nicht hätte sein können, wenn ich einen „regulären“ Job und eine Familie gehabt hätte. Abgesehen davon half mir auch eine gewisse Distanziertheit, die aus dieser „session-orientierten“ Denkweise resultierte, während des gesamten Pflegeprozesses stärker zu sein. Andererseits hatte die Tatsache, dass, brutal ausgedrückt, meine Familie sterben musste, damit ich mich entschied, vollständig für sie da zu sein, einen bittersüßen Beigeschmack.
Nun, da sie alle für immer gegangen sind, und nachdem ich mir die Zeit genommen habe, sie zu verabschieden, indem ich jedes Stück, das ihnen gehörte, in meine Hände nahm und ihm Lebewohl sagte, hat sich dieser neue Raum geöffnet, in dem ich meinen eigenen Weg wählen kann – zum ersten Mal wirklich unbelastet – wo, wie und mit wem ich leben möchte.
Der ganze Prozess hat mir gezeigt, dass ich aus dem session-geprägten Lebensstil herausgewachsen bin. Derzeit empfinde ich sogar eine leichte Abneigung gegen das Konzept, dass eine Person in der Seele und emotionalen Landschaft einer anderen Person herumstochert, besonders wenn sie nicht darum gebeten wurde. Ironischerweise suchen mich jetzt Menschen organisch für Sessions auf – und genau da möchte ich die Sessions von nun an belassen: an einem klar vereinbarten Ort und Zeitraum.
Dieser Prozess zeigte mir auch, dass nicht alle Freundschaften, die ich früher hatte, der Zeit standgehalten haben. Offenbar waren einige von ihnen nur vorübergehende Bündnisse, die aus meiner Hauptbeschäftigung in dieser Zeit entstanden waren. Ich bin dankbar dafür, und noch dankbarer dafür, gelernt zu haben, einfach ich selbst zu sein – in jedem Moment anders – ohne das unausgesprochene Gebot, mich ständig verbessern zu müssen. Ich genieße, wie ich von Menschen aufgenommen werde, besonders hier in dieser besonderen Enklave aufgeschlossener Menschen aus aller Welt.
Natürlich treffen meine derzeitigen Lebensentscheidungen manchmal auf Schlussfolgerungen, die aus mangelndem Verständnis dafür resultieren, wie digitale Nomaden leben (und Geld verdienen! :-)), aber alles in allem zählt und bleibt bei den Menschen die Energie, die wir ausstrahlen. So schließe ich unterwegs neue Freundschaften, und vor allem schließe ich Freundschaft mit mir selbst, mit meinem Körper, mit meinen Bedürfnissen in Bezug auf alle Lebensbereiche.
Das ist ein unermessliches Geschenk.
Etwas, wovon ich mein ganzes Leben lang geträumt habe – allein und mit Menschen sein zu können, ohne Unbehagen oder ständige Selbstzweifel.
So teile ich nun mit Dir, lieber Leser, den Frieden von meinem derzeitigen Wohnsitz – innen und außen – immer noch mit der tickenden Uhr im Hintergrund, nur die Katzen sind längst hinaus in die Sonne gegangen, um diesen wundervollen Tag zu erkunden.

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